Rezension zu: H.-H. Müller, Leo Perutz

Von Michael Mandelartz

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Erschienen in: Arbitrium, H.2, 1993, S. 224-226 [PDF]

Hans-Harald Müller: Leo Perutz. (Beck'sche Reihe 625; Autorenbücher) C.H. Beck, München 1992. 138 S., DM 17,80.

Fakten allein machen noch keine Geschichte. Es sind vielmehr die Deutungen, die den Fakten die Einheit einer Geschichte oder Lebensgeschichte zusprechen. Nach dem Niedergang des Positivismus wurden daher etwa in der geistesgeschichtlichen Schule verschiedene Deutungen als ein Spektrum von Perspektiven in die Geschichtsschreibung und Biographik einbezogen. Insofern diese Einsicht auch Eingang in den historischen Roman fand, konnte sie dort — wie bei Perutz — zur Kollision verschiedener Deutungsmuster als Ausgangspunkten von Interessen und Handlungen führen, die sich nicht mehr auf eine einzige zugrundeliegende Geschichte zurückführen lassen. Die Einheit bleibt bloß ästhetisch, während die nicht-fiktionale Geschichtsschreibung und Biographik auch konträre Deutungsmuster durch kritischen Vergleich auf eine Geschichte beziehen muß, um sie überhaupt verstehbar zu machen.

Wie aber verfährt man im Falle der Biographie eines Autors, über den die Archive nur wenige Fakten, kaum Berichte von Zeitgenossen und noch weniger Selbstdeutungen liefern, in dessen Biographie zudem die Emigration nach Palästina und der Zweite Weltkrieg einen Bruch hinterlassen haben, der die 'Einheit der Lebensgeschichte' sowohl subjektiv wie objektiv zu einer fragwürdigen Voraussetzung macht? — Hans-Harald Müllers Darstellung von Leben und Werk des Leo Perutz macht dieses in der Zeit- und Lebensgeschichte selbst liegende Dilemma in frappierender Weise deutlich.

Die Wirkung der Zerschlagung der Kultur durch den Nationalsozialismus auf die Schriftsteller, die sich im Falle von Autoren, die mehr als Perutz zur Selbstdarstellung neigten, immerhin biographisch rekonstruieren läßt, kommt bei ihm der Vernichtung der Möglichkeit einer Biographie nahe. Gerade die stark kondensierte narrative Konstruktion (S. 10) von Materialien, die Müller großenteils bereits 1989 in einer Ausstellung vorbildlich dokumentiert hat,1 verdeutlicht die Unmöglichkeit, über Nationalsozialismus, Exil, Krieg und den anschließenden Wiederaufbau hinweg aus den teilweise widersprüchlichen Zeugnissen und Selbstzeugnissen ein einigermaßen geschlossenes Bild der Person oder ihrer Entwicklung zu rekonstruieren. Den verschiedenen Facetten, die Müller aus dem Nachlaß, Notizbüchern, Briefen, Interviews, Berichten und Akten zusammengetragen hat, fehlt gewissermaßen ohne Verschulden des Biographen der innere Zusammenhang in der Person Leo Perutz. So lassen zwar verstreute Äußerungen zur Politik den Schluß zu, daß Perutz zeitlebens ein Gegner jeder Art von Nationalismus war, den er 1948 als Ursache allen Unheils der letzten 150 Jahre bezeichnete: Mit Nationalgefühl beginnt's und mit Cholera und Ruhr und Diktatur endet es (S. 91). Daß er aus der Einsicht, nur übernationale Staaten könnten den Frieden garantieren, ein Jahr nach Hitlers 'Machtergreifung' den heute seltsam antiquiert anmutenden Schluß zog, sich dem 'Bund Legitimistischer Jüdischer Frontkämpfer' anzuschließen, der eine Restauration der Habsburgermonarchie forderte, scheint noch einleuchtend; ob aber der Legitimismus mit der früheren sozialistischen Einstellung im Zusammenhang steht, ob Perutz sich inzwischen von dem 1919 in einer Broschüre zur Militärjustiz des Ersten Weltkriegs geschriebenen Ausruf Mit Habsburg kommt wieder der Galgen ins Land! distanziert hatte oder beides miteinander verband, bleibt mangels weiterer Zeugnisse ungeklärt.

Wie seine Auferstehung in 40 Jahren (S. 7) hat Perutz auch die unmittelbaren Folgen des Nationalsozialismus für seine Laufbahn als Schriftsteller vorausgesehen. Die Arbeit an den Romanen kommt im palästinensischen Exil nur langsam voran, weil das Publikum, für das er bis 1938 geschrieben hatte, nicht mehr existiert: Völlig nutzlos für diese Zeit und wahrscheinlich ebenso nutzlos für die Zeit nach dem Siege. Ich arbeite, gewiß, aber für wen und für wann? Ganz andre Dinge wird die Welt nach dem Kriege hören und lesen wollen als die, die ich mir hier hinter geistigem Stacheldraht abquäle und, ohne jedes Erlebnis und Ereignis, ausdenke und in schönem Deutsch, hier ein Pariadialekt, niederschreibe. (S. 75 f.) Tatsächlich hat Perutz sich nach dem Kriege auf dem deutschen Buchmarkt kaum noch durchsetzen können, im Falle des 'jüdischen' Romans Nachts unter der steinernen Brücke (1953) bekam er gar wegen des latenten Wiener Nachkriegs-Antisemitismus Schwierigkeiten mit dem Verleger.

Die von Perutz so oft thematisierte Diskontinuitätserfahrung hat ihn (und den Biographen) zuletzt eingeholt. Hans-Harald Müller läßt sich nicht verleiten, die Lücken mit Spekulationen zu füllen, so daß der gewaltsame Bruch spürbar bleibt. Dennoch hätten sich vielleicht Gesichtspunkte angeboten, die eine durchgehendere Deutung des Materials erlaubt hätten. Ich meine v. a. die jüdische Außenseitererfahrung, die Perutz, lange vor dem Nationalsozialismus, schon an der Wiener Universität gemacht haben dürfte. Sie gehört wahrscheinlich zu den Konstanten seiner Biographie, die sich etwa in der steten Parteinahme für die Unterlegenen äußert, und sie schlägt sich im Werk nicht nur in Nachts unter der steinernen Brücke, sondern, versteckter, auch in anderen Romanen nieder. Daher überzeugt die strikte Aufteilung des Buches in einen biographischen Teil und eine Werkanalyse mit der Begründung, Perutz sei ein Anhänger einer eingeschränkten These von der Autonomie der Kunst (S. 9) gewesen, nicht ganz.

Im zweiten Teil gibt das Buch einen gedrängten Überblick über die wichtigsten Charakteristika von Perutz' Oeuvre: den Umgang mit der Geschichte, die Identitäts- und Diskontininuitätsproblematik, Rahmenkonstruktionen. Darunter finden sich mehrere wertvolle Hinweise für die künftige Forschung wie die überzeugende Argumentation, daß Perutz die für die Wiener Moderne typische, in Widersprüche führende Analyse des Ich in Handlung überführte, weil er das Ich für nicht darstellbar hielt. Die Konflikte und Widersprüche, in die sich seine Helden verwickeln, könnten demnach auch als Projektionen der Antinomien des Subjekts aufgefaßt werden.

 

Anmerkung

1 Leo Perutz 1882-1957. Eine Ausstellung der Deutschen Bibliothek Frankfurt am Main. Hrsg. von Hans-Harald Müller und Brita Eckert. Wien; Darmstadt 1989.

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