Grüne Gläser. Quellentexte zu Kleists sog. Kantkrise

Zugleich eine kleine Motivgeschichte grüner Brillen

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Von Michael Mandelartz. Stand: 26. Juli 2015. Erste Fassung: 27. März 2012.

Brillen, Brillen! gebt uns Brillen!
grün und blau und gelb und rot!
Volles Licht ist für Pupillen
unsrer Art der sichre Tod.

Christian Morgenstern: O – raison d'esclave1

 

 

 

 

VorbemerkungKleistQuellen: HoyersHarsdörfferGottschedVeselýWitgeestHaushaltungs-LexiconGoldsmithAllgemeines LexiconBenjamin FranklinKrünitzRichterLichtenbergBouterwekBeyträge z. frz. Rev.GehlerFischerPfeffelJung-StillingTieckGoetheBeerHoffmannHauffHeineBrockhausGehler (Neubearb.)FechnerWeerthPoeGutzkowStormPiererRaabeWassermannUfen

Vorbemerkung

Bei den Versuchen, die Quellen zu Heinrich von Kleists sog. Kantkrise aufzufinden, spielen die grüne[n] Gläser, durch die er die Augen versuchsweise ersetzt, nicht die kleinste Rolle. Die Gläser lassen sich, abgesehen von der spezifischen Farbe, als Metapher für die Unangemessenheit von Vorstellung und Erkenntnisgegenstand aus der Religions- und Philosophiegeschichte, besonders von Fichte, herleiten. Daß sie aber grün ausfallen, geht wohl auf die zeitgenössische Praxis zurück, grüne Brillen zu Schonung der Augen (so Goethe) zu tragen. Das war vom späten 17. bis zum frühen 19. Jahrhundert nicht unüblich, wie ergänzend zu einer Anmerkung in meinem Aufsatz Von der Tugendschule zur Lasterschule. Die sogenannte Kantkrise und Fichtes Wissenschaftslehre2 gezeigt werden soll.

Kleist rekurriert nicht auf komplexe optische Apparaturen,3 sondern auf Alltagserfahrungen. So konnte auch die Adressatin des Briefes, Kleists Verlobte Wilhelmine von Zenge, mit dem Beispiel etwas anfangen; was Kleist allerdings nötigte, im Folgebrief zu betonen, daß er sich des Auges in [s]einem Briefe [nur] als eines erklärenden Beispiels bedient4 habe.

Es scheint, als ob schon gegen Ende des 15. Jahrhunderts grüne, gelegentlich auch blaue Brillen zum Schutz gegen direktes Sonnenlicht getragen wurden. Jedenfalls wird so auf einer Seite von Optiker Online Albert von Pflugk referiert.5 Zur Mitte des 18. Jahrhunderts empfehlen die Enzyklopädien wie selbstverständlich, grüne Brillen auch ohne Augenleiden zu tragen, weil sie die Augen erquicken. Erst gegen Ende des Jahrhunderts diskutieren Lichtenberg u. a., ob dies überhaupt, oder speziell bei Lichtempfindlichkeit, angezeigt ist. Die abratenden Stimmen überwiegen, aber das Thema bleibt in populären Ratgebern, in Physik und Medizin bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts aktuell. Die Brillen werden also weiterhin verkauft; wahrscheinlich nicht zuletzt, weil die Brillenkrämer, wie Beer ganz realistisch sieht, gut daran verdienen.

Außerhalb von Medizin, Naturwissenschaft, Technik und Handel, deren Position sich in den Enzyklopädien niederschlägt, herrscht jedoch schon früh eine starke Abneigung. Die protestantische Dichterin Anna Ovena Hoyers polemisiert schon 1650 anhand der (diesmal blauen) Brillen gegen die Doktoren der Theologie, die den einfachen Gläubigen aus Eigennutz ihre falschen Weltbilder aufdrängen, ohne dazu berufen zu sein; katholische Prediger verwenden grüne Brillen als Metapher für Unmoral, die sich den Anblick des Leidens versüßt, um keine Mitleidsgefühle entwickeln zu müssen. In Analogie dazu wendet die Kritik an der Popularphilosophie das Motiv gegen das Spielerische und Unverbindliche der Aufklärung, die den Dingen nicht wirklich auf den Grund gehe (Bouterwek). Auch Dichter und Literaturkritiker votieren gegen grüne Brillen, weil sie die farbige Welt aufs Grüne reduzieren und folglich falschen Schein produzieren.

Kurz vor und während der Französischen Revolution geraten die Brillen außer Mode; sie gelten nun als unnatürlich und wohl auch als Relikt aus dem Ancien Régime. Robespierre setzt sich mit grüner Brille von anderen Revolutionären ab. In Deutschland bezeichnet Pfeffel den Übergang: Sein Mediziner lehnt die grüne Brille des Patienten so strikt ab, daß dieser darüber stirbt. Die Frühromantik schließt mit Tieck an die französische Entwicklung an, wenn der Stallmeister als Vertreter einer vom Fürsten abhängigen, geschäftstüchtigen Mittelschicht die Brillen als Vehikel benutzt, um den Fürsten und das Volk auszunehmen. In der Restaurationsepoche scheinen die grünen Brillen dann, nach Beer, hier und da wieder sehr beliebt zu werden.

In der Literatur dieser Zeit werden sie zum Signum der Reaktion, die die Zeichen der Zeit nicht begriffen hat. Sie gelten nicht nur als altmodisch, sondern als schaurig und exzentrisch bis hin zur Groteske. Hoffmann überträgt die Stimmung des Grotesken und Unheimlichen vom funkelnden Grün der Brillen auf funkelnde grüne Augen. Nachdem die Brillen selbst seltener geworden sind, bedarf es ihrer nicht mehr, um die mit ihnen verbundenen Angstgefühle zu aktivieren, oder das Motiv droht gar unverständlich zu werden. Tieck jedenfalls hat die Passage in der Ausgabe seiner Schriften von 1828 gestrichen. So wird das Motiv in der Literatur des späteren 19. Jahrhunderts zwar noch gelegentlich verwendet, ist aber eigentlich durch die wirklichkeitsnäheren grün funkelnden Augen, die sich noch hinter klaren Brillengläsern verschanzen mögen, ersetzbar. So noch im 20. Jahrhundert bei Wassermann. Wenn die Herkunft des Motivs irrlichternder grüner Augen nicht wie hier an den (klaren) Brillengläsern noch ablesbar ist, kann die Abgrenzung zu der anderen Herkunft, den Katzenaugen, allerdings schwierig werden.

Unter Optiker Online findet sich die Abbildung einer 1797 in England erfundenen Doppelbrille, bei der sich seitlich ein grünes Glas vor die eigentlichen Brillengläser vorklappen ließ. Auch Sieberts Bildbiographie zu Kleist6 gibt die Abbildung einer grünen Brille aus der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts . Zur französischen Diskussion und zu Robespierre vgl. auch den Blogeintrag von Reinhard Pabst in: Stimming’s Inn.

Vor der Quellensammlung zunächst die einschlägige Passage aus Kleists Brief.

Kleist: Brief an Wilhelmine von Zenge (1801)

Wenn alle Menschen statt der Augen grüne Gläser hätten, so würden sie urtheilen müssen, die Gegenstände, welche sie dadurch erblicken, sind grün — und nie würden sie entscheiden können, ob ihr Auge ihnen die Dinge zeigt, wie sie sind, oder ob es nicht etwas zu ihnen hinzuthut, was nicht ihnen, sondern dem Auge gehört. So ist es mit dem Verstande. Wir können nicht entscheiden, ob das, was wir Wahrheit nennen, wahrhaft Wahrheit ist, oder ob es uns nur so scheint. Ist das letzte, so ist die Wahrheit, die wir hier sammeln, nach dem Tode nicht mehr — und alles Bestreben, ein Eigenthum sich zu erwerben, das uns auch in das Grab folgt, ist vergeblich —

Heinrich von Kleist: Sämtliche Werke und Briefe. Hrsg. v. Ilse-Marie Barth u. a. Frankfurt a. M.: Deutscher Klassiker Verlag 1987-1997, Bd. 4, S. 205 (Brief vom 22. März 1801 an Wilhelmine von Zenge).

Quellen

Hoyers: Einfältige Warheit (1650)

Denn ander zeit bringt ander leut/
Das werden wir erfahren.
Ein ander Jahr bringt ander Haer/
[...]
Ja/ wann sich werden stellen ein
Die nicht von und durch Menschen seyn
Erwehlet und Vociret,
Alß unser' Herren Titultrager/
Warheit verjager/ Frommen plager/
Die nach all ihren willen
Verkauffen ihr' blauw bunte brillen/
Schwatzen daher auß den Postillen/
Beutel und bauch zufüllen.
Diese herren von Hohenschulen/ [...].

Anna Ovena Hoyers: Einfältige Warheit. In: Geistliche und Weltliche Poemata. Amsteldam[!]: Elzevieren 1650, S. 45 f.

Harsdörffer: Der grosse Schau-Platz Lust- und Lehrreicher Geschichte (1664)

CLIII: Furcht und Schrecken

7. Also gebrauchte Gedeon der Trompetenschall / und die zerbrochnen Häfen die Amalekiter zu schrecken. Doch kan solches keine Pansfurcht genennet werden / weil solche keine offenbare Ursach hat wie gesagt / sondern von übernatürlichen Ursachen eingegeben wird. Wir lesen 1. Sam 14. 15. daß in der Philister Lager / welches Jonathan unn sein Waffenträger angegriffen / ein Schrecken gekommen / also / daß dz Land erbebet; dann stehet darbey / es war ein Schrecken von Gott gekommen. Psal. 6. 13. 1. Mos. 35. 5. und an vielen andern Orten mehr / ist umständig hiervon zu lesen. Die falsche Einbildung hat hierbey keinen geringen Antheil / und rühret her von einen ungefähren Wahn / und verblendet den Verstand / daß er als durch ein grünes Glas / alles grün anschauet / und anders als es ist / betrachtet / deßwegen jener wol gesagt: Ein Feldherr soll nit alles glauben / und nicht alles verachten / was man ihm vorträget.

Georg Philipp Harsdörffer: Der grosse Schau-Platz Lust- und Lehrreicher Geschichte. Frankfurt a.M., Hamburg: Johann Georg Spoerlin, 1664 (Nachdruck Hildesheim, New York 1978), Bd. 2, S. 198 ff.

Gottsched: Versuch einer critischen Dichtkunst (1730)

So schmutzig führen sich die neuen Musen auf,
Sie sammlen Koth und Schlamm, und bauen Schlösser drauf.
Drum kann kein edler Geist dieß stankerfüllte Wesen,
Das nach dem Schreiber riecht, unmöglich überlesen.
Die Zoten fliessen ihm mit ganzen Strömen zu,
Wer kann, o großer Geist, die Kunst so gut, als du?
Man hört dich allezeit von lauter Ehebrechen,
Und der verletzten Zucht geschwächter Nymphen sprechen.
Was ist dir Leipzig sonst, als ein verdächtig Haus?
Du theilst den Federbusch an alle Männer aus,
Als hättest du allein den Freyheitsbrief erhalten,
Das Kuppleramt allhier Zeit Lebens zu verwalten:
Damit Priapus ja im Reich der Hurerey
Nicht länger ganz allein Patron und Schutzherr sey.
Ja, sey es künftig nur: Wer wird es dir doch wehren?
Doch darf kein kluger sich an solche Narrheit kehren.
Wie Gallensüchtigen auch Wermuth bitter schmeckt,
Und der, so grünes Glas auf seine Nase steckt,
Nur lauter grünes Zeug vor beyden Augen spüret,
Obwohl der falsche Schein nur von der Brille rühret.
So muß es auch allhier den geilen Dichtern gehn:
Weil ihre Lüste stets in reger Wallung stehn,
Muß selbst Lucretia, die Zierde dieser Erden,
Durch ihre Phantasey zur frechen Thais werden.

Johann Christoph Gottsched: Ausgewählte Werke. Herausgegeben von Joachim Birke und P. M. Mitchell. 12 Bände, Berlin; New York: Walter de Gruyter, 1968–1987, Bd. 6,2, S. 750 f. (Anhang III, 6. Kap.)

Veselý: Lehr-, Geist- und Eyfer-volle Sonntags-Predigen (1739)

Meine Freund seynd Wort-reich / welche vil reden / aber wenig im Werck erweisen: sie sehen meine Noth / aber helffen mir nicht heraus / sie seynd meines Anligens / meines Elends / meiner Trübsal bewußt / haben doch mit mir kein Mitleyden; sie sehen auf meine Bedürfftigkeit / thun aber / als ob sie selbe nicht seheten / und geben mir weder einen Heller. Nero der gekrönte Tyrann / als er die Leuth hinrichten ließ / sahe deren Peynen / Marter / Wunden / und Tod durch eine grüne aus Smaragd verfertigte Brillen zu / damit auch die Wunden der Sterbenden ihm schön fürkämen / und er seinem Blut-gierigen Grimm eine Freud machte. Durch solche grüne Brillen müssen die unbarmhertzige Menschen die Bedürfftigkeiten ihrer Freunden ansehen / da sie ihnen in ihren Anligen keine Hülff leisten.

Fabián Veselý und Leonhard Reil: Fabiani Wesselii Lehr-, Geist- und Eyfer-volle Sonntags-Predigen Auf das gantze Jahr, wie auch auf die heilige Fasten-Zeit verfaßt, und eingericht. Bd. 1. Augspurg: Veith, 1739, S. 168.

Witgeest: Natürliches Zauber-Buch (1745)

32. Welche Brillen am besten seynd / und dem Gesicht am dienlichsten.

Die grünen sind am besten, dann sie erquicken und erfrischen die blöden Augen. Gleichwie auch das Gesicht gewaltig gestärckt wird, wann man durch grüne Brillen dasjenige, so nicht grün ist, doch grün erscheinet, ansiehet, indem sich die Augen gleichsam über den angenehmen Betrug erfreuen, und also erquicket werden.
Gemeiniglich aber haben die grünen Gläser das Ansehen, als schlügen sie mit ihrer Materie aus der Art, indem sie nicht ein recht liebliches und vollkommenes Grün, sondern ein gantz bleiche und fast erstorbene Farbe darlegen.
Fragt man nach der Ursach, so ist keine andere, als daß sie unfleißig gefärbt, oder aber nicht genug Licht bekommen, über das gar viel unreine Materie bey sich haben, daß sie dasjenige, so man dadurch siehet, nicht scharff grün machen.

Witgeest, Simon: Natürliches Zauber-Buch, oder, Neu-eröffneter Spiel-Platz rarer Künste ... Nürnberg: Ioh. Adam Stein und Gabriel Nicolaus Raspe 1745, S. 459.

Allgemeines Haushaltungs-Lexicon (1749)

Brille: Zwey in drat oder horn also eingefaßte gläser, daß man sie auf die nase setzen und dadurch blöden augen helfen kan. [...] Ueberhaupt sind sie ein vortrefliches hülfs-mittel der augen, weshalben auch viele rathen, daß wer ein gutes gesichte auch bis ins späte alter erhalten wolle, sich bey zeiten an die brillen gewöhnen soll. [...] Grüne brillen sind wegen ihrer farbe den augen sehr dienlich und zuträglich. Wenn sie angelaufen und trübe, reiniget man solche mit reinem brannteweine. Brille heißet auch der höltzerne ausgeschnittene sitz bey denen secreten.

Allgemeines Haushaltungs-Lexicon: Darinnen nicht allein alles dasjenige zu finden ist, Was zu Erhaltung der Gesundheit zu wissen nöthig, sondern auch wie ein jeder ein Vermögen erlangen, dasselbe vermehren und erhalten soll ... Leipzig: Blochberger 1749-1751, Bd. 1, S. 269 (Art. Brille).

Goldsmith: Der Landprediger von Wakefield (Originalausgabe 1766)

In England scheinen grüne Brillen schon 1766 Massenware zu sein:

Willkommen, willkommen, Moses! Nun, lieber Junge, was hast Du uns mitgebracht vom Jahrmarkt?
Mich selbst hab' ich mitgebracht! sprach Moses, mit schlauem Blicke die Schachtel auf den Tisch stellend.
Ei, Moses, rief meine Frau, das wissen wir. Aber wo ist das Pferd?
Verkauft, sagte Moses, für einundzwanzig Thaler sechszehn Groschen.
Brav, mein Junge, erwiederte seine Mutter. Wußt' ich's doch, daß Du sie anführen würdest! Unter uns gesagt, das ist kein übler Tagelohn. Nun, so gieb her!
Geld hab' ich nicht mitgebracht, rief Moses. Ich habe Alles in Waaren angelegt, und hier sind sie! Damit zog er ein Päckchen aus dem Busen. Hier sind sie! Zwölf Dutzend grüne Brillen mit silberner Einfassung und Chagrinfutteralen.
Zwölf Dutzend grüne Brillen? wiederholte meine Frau mit sinkender Stimme. Und das Pferd hast Du hingegeben und bringst uns nichts weiter als zwölf Dutzend armselige grüne Brillen?
Liebe Mutter, sprach der Knabe, höre mich doch ruhig an! Ich bekam sie für ein Spottgeld, sonst würd' ich sie nicht gekauft haben. Die silberne Einfassung allein ist doppelt so viel werth.
Geh' zum Henker mit Deiner silbernen Einfassung! rief meine Frau entrüstet. Schwören will ich darauf, daß wir nicht das halbe Geld wiederbekommen, wenn wir sie zu dem bloßen Silberwerth verkaufen.
Wegen des Verkaufs der silbernen Einfassung, sagte ich, mache Dir nur keine Sorge. Es ist nichts als Kupfer, nur ein wenig übersilbert.
Was! schrie meine Frau. Kein Silber? Die Einfassung wäre kein Silber?
So wenig als Deine Bratpfanne von Silber ist, erwiederte ich.
Unser Pferd, rief sie, ist also hingegeben, und wir haben nichts dafür erhalten als zwölf Dutzend grüne Brillen mit kupferner Einfassung und Chagrinfutteralen! Hole der Henker solche Betrügereien! Der Tölpel hat sich anführen lassen! Er hätte seine Leute besser kennen sollen!
Darin hast du Unrecht, liebe Frau, sagte ich. Er hätte sie gar nicht kennen sollen.
Hole der Henker den Einfaltspinsel! entgegnete sie. Mir solchen Plunder zu bringen! Wenn ich ihn hätte, würf' ich ihn sogleich ins Feuer!
Darin hast Du wieder Unrecht, liebe Frau! sagte ich. Sind sie auch nur in Kupfer gefaßt, aufbewahren wollen wir sie dennoch. Kupferne Brillen sind doch besser als gar nichts.

Oliver Goldsmith: Der Landprediger von Wakefield. Braunschweig: Westermann 1840, S. 70-72. — Kotzebue hat den Landprediger unter dem Titel Dorfprediger 1792 dramatisiert.

Allgemeines Lexicon der Künste und Wissenschaften (1767)

Der Artikel Brille plädiert, wie in der Mitte des 18. Jahrhunderts üblich, allgemein für das Tragen grüner Brillen.

Grüne Brillen sind wegen ihrer Farbe den Augen sehr diensam.

Johann Theodor Jablonski: Allgemeines Lexicon der Künste und Wissenschaften, oder deutliche Beschreibung des Reiches der Natur, der Himmel und himmlischen Körper, der Luft, der Erde, nebst den bekannten Gewächsen, der Thiere, Steine und Erzte, des Meeres und der darinnen lebenden Geschöpfe ... Durchges., verb. u. verm. v. Johann Joachim Schwabe. Bd. 1. Königsberg und Leipzig: Zeisen und Hartung 1767, S. 238

Des Herrn [Benjamin] Franklins Erfahrungen ... (Originalausgabe 1773)

Franklin kann sich die Umkehrung der Helligkeits- und Farbwerte noch nicht erklären, die auftritt, wenn man die Augen nach einem starken Licht- oder Farbeindruck schließt. Goethes Erklärung im didaktischen Teil der Farbenlehre unter dem Titel physiologische Farben wurde relativ schnell von der Medizin übernommen und wird heute allgemein akzeptiert.

Wenn ihr in einer Kammer sitzet, so richtet euere Augen, bey schönem Wetter, einige Zeit lang steif auf die Mitte des Fensters; schliesset hernach die Augen, so wird die Figur des Fensters eine Zeitlang in denselben, und zwar so deutlich, bleiben, das ihr ohne Mühe die Scheiben desselben zählen könnet.
Bey dieser Erscheinung ist insonderheit ein Umstand merckwürdig, daß nemlich der Eindruck der Figuren länger, als aber der Eindruck der Farben dauret: denn sobald ihr die Augen geschlossen habt, und das Bild des Fensters zu sehen anfanget, so kommen euch die Glasscheiben dunkel vor, da ihr hingegen die Kreuzstäbe, die Fensterrahmen und die Mauren viel lebhafter und weisser sehet. Wenn ihr aber euere Hand auf die Augen leget, um die Finsternus in denselben stärker zu machen; so werdet ihr vollkommen das Gegentheil beobachten, und die Glasscheiben leuchtend, die Kreuzstäbe aber dunkel erblicken. Ziehet aber die Hand wieder weg, so wird sich die erstere Erscheinung wieder aufs frische zeigen.
Ich weis nicht, wie ich dieses erklären soll, eben so wenig, als ich folgendes begreifen kann. Wenn man nemlich lang durch grüne Brillen gesehn, so scheint einem, wenn man sie wegnimmt, das weiße Papier eines Buchs roth zu seyn: und wenn man sich lang rother Brillen bedient hat, kommt einem das weisse Papier dunkelgrün vor: welches uns anzuzeigen scheint, daß eine gewisse Verwandtschaft zwischen der rothen und grünen Farbe sey, welche bisher noch nicht erklärt worden.

Benjamin Franklin: Des Herrn Franklins Erfahrungen über den Eindruck der leuchtenden Gegenstände auf die Sehe-Nerven. In: Bernerisches Magazin der Natur, Kunst und Wissenschaften 1, 1 (1775), S. 31.

Krünitz: Oeconomische Encyclopaedie (1775)

Krünitz rät mit dem alten Argument allen Brillenträgern zu grün gefärbten Gläsern:

Bei Erwählung der Gläser [...] hat man darauf zu sehen, daß beide Gläser einerlei Farbe, und einerlei Focus haben, und aus einerlei Schale geschliffen seyn, wofern nicht der Unterschied beider Augen solches räth. Ferner müssen die Brillengläser nicht allzuweiß seyn, damit sie das Auge nicht blenden. Das grünliche Glas ist am bessten. Wenn man aber ganz grüne bekommen kann, so ist solches den andern Farben, als: blau und gelb, weit vorzuziehen, weil, der Erfahrung zufolge, die grüne Farbe dem Auge angenehm ist.

Johann Georg Krünitz: Oeconomische Encyclopaedie, Bd. 6. 1. Aufl. Berlin: Pauli 1775, S. 706 (Art. Brille).

Richter: Anfangsgründe der Wundarzneykunst (1790)

§ 387.
Durch die widernatürlich erweiterte Pupille fällt des Lichts so viel ins Auge, daß der Kranke, wenn er nicht des Gesichts beraubt ist, geblendet wird. Er sieht nicht allein an einem hellen Orte undeutlich, sondern lauft auch Gefahr, durch die allzustarke Wirkung des Lichts aufs Auge, das Gesicht allmälig gänzlich zu verliehren. Dies zu verhindern, ist der Endzweck der Palliativkur. Man mindert duch dieselbe das Licht, welches in Auge fällt, und setzt dadurch den Kranken nicht allein in den Stand, an einem hellen Orte deutlich und ohne Beschwerde zu sehen, sondern auch außer Gefahr, das Gesicht gänzlich zu verliehren. Die gewöhnlichen Mittel, die man zu dieser Absicht empfiehlt, sind: alle Augenschirme, wodurch vorzüglich das Licht von oben herab von den Augen abgehalten wird; der schwarze Flor, den man über das Gesicht herab hängen läßt; die grüne Brille, die die Menge der Lichtstrahlen, von dem Gegenstande, den der Kranke ansieht, mindert; die Brille mit schwarzen Kartenblättern, in deren Mitte eine Oeffnung von der natürlichen Größe der Pupille ist. Das beste und bequemste Mittel ist die Röhrenbrille [...].

August Gottlieb Richter: Anfangsgründe der Wundarzneykunst, Bd. 3. 10. Kap.: Von der widernatürlichen Erweiterung der Pupille. Göttingen: Dieterich 1790, S. 391.

Lichtenberg: Über einige wichtige Pflichten gegen die Augen (zuerst 1791)

Lichtenberg hat der Ablehnung grüner Brillen in seinem Referat von Schriften George Adams' und Johann Georg Büschs den Weg geebnet. Nachdem Sömmering der physikalischen Autorität Lichtenbergs drei Jahre später seine medizinische noch hinzufügte, indem er die Schrift erneut herausgab, konnten bis 1803 vier und bis 1860 sechs Auflagen erscheinen.

Eben so unnütz und schädlich [wie die 'visual spectacles' der Engländer], wiewohl nicht in ganz so hohem Grade, sind die grünen Brillen. Hr. Prof. Büsch sowohl als Adams sprechen aus Erfahrung stark dagegen. Das Grüne ist allerdings eine sanfte und angenehme Farbe, aber nicht die Farbe der Gegenstände, die man durch grüne Brillen ansieht. Sie geben allen Farben, das Weiße und Grüne ausgenommen, ein unangenehmes und schmieriges Ansehen, und werden sie abgenommen, welches der Fernsichtige bey fernen Gegenständen thut, so erhalten die Gegenstände ein blendendes, anfangs sogar röthliches,*) Ansehen, welches den Augen schadet. Auch in dieser Erfindung ist also mehr guter Wille als Verstand.

*) Hierüber hat Herr Geheimer Rath von Göthe unvergleichliche Versuche angestellt. [Anm. v. Sömmering.]

Adams, Büsch und Lichtenberg Über einige wichtige Pflichten gegen die Augen. Mit einigen Anmerkungen herausgegeben von S.[amuel] Th.[omas] Sömmerring. Frankfurt a. M.: Varrentrapp und Wenner 1794, S. 43 (zuerst 1791 im Göttinger Taschen-Calender erschienen). Vgl. auch George Adams: Anweisung zur Erhaltung des Gesichts und zur Kenntniß der Natur des Sehens. Gotha: Ettinger 1794.

Bouterwek: Schweizerbriefe an Cäcilie (1794)

Die Systematik genoß [in der Philosophie der Aufklärung] nur noch einer zweideutigen Reputation; denn systematisches Denken taugt nicht für jedermann. Auch die Foderungen der Platonischen Grazie wurden von nun an als entbehrliches Spielzeug mit den schönen Künsten in die Winkel der Finsterniß verwiesen, wo ein ernsthafter Mann, dem vom Übermaß der Aufklärung die Augen weh thaten, sie dann und wann als grüne Brillen gebrauchte. Der platteste Ausdruck galt für den besten, wenn er nur der verständlichste für jedermann war.

Friedrich Bouterwek: Schweizerbriefe an Cäcilie, geschrieben im Sommer 1794. Erster Theil, S. 115 f. (Vierter Brief).

Beyträge zur Geschichte der Französischen Revolution (1795)

[...] denn der Zeitpunkt war nun gekommen, wo schmutzige Wäsche, Pantalons, ungekämmtes Haar, rothe Mützen, oder schwarze Parüken, und alles was Sorglosigkeit und Unordnung im Anzug andeuten mochte, für die sichtbaren Zeichen des Patriotismus gehalten wurde. [...] Merkwürdig genug ist es, daß Robespierre selbst damals nicht aufhörte, nicht allein reinlich, sondern selbst mit einer gewissen Zierlichkeit gekleidet zu erscheinen, und indem er sich zum Oberhaupt der Sanscülottes machte, doch nie das Costüme seiner Rotte annahm. Sein scheußliches Gesicht, weit entfernt in eine schwarze Parüke gehüllt zu seyn, war immer mit sorgsam gekräuseltem und wohlgepudertem Haar geschmückt; zugleich gab er sich Mühe, die Bewegungen seiner unmenschlichen Seele, die seine Augen bisweilen hätten verrrathen können, hinter breiten grünen Brillen zu verbergen, ob er gleich vollkommen gut sah.

Beyträge zur Geschichte der Französischen Revolution. Bd. 4 (1795), S. 116 f.

Gehler: Physikalisches Wörterbuch (1795)

Gehler rät im Anschluß an Adams — und wohl auch Lichtenberg — ebenfalls vom Tragen grüner Brillen ab:

Den Brillen von grünem Glas spricht Adams die Vorzüge, die man ihnen sonst beylegt, gänzlich ab. Sie geben den Farben ein schmutziges Ansehen, und machen im Anfange, daß dem Auge, wenn man sie ablegt, weisse Dinge roth erscheinen — ein deutlicher Beweis, daß sie das Auge angreifen. Trägt man sie nicht beständig, so ist der Contrast der Helligkeit; so oft man sie ablegt, schädlich; trägt man sie immer, so braucht man sie endlich so convex, daß sie wegen der großen Dicke fast undurchsichtig ausfallen.

Johann Samuel Traugott Gehler: Physikalisches Wörterbuch oder Versuch einer Erklärung der vornehmsten Begriffe und Kunstwörter der Naturlehre mit kurzen Nachrichten von der Geschichte der Erfindungen und Beschreibungen der Werkzeuge [...]. 5. Theil: Supplemente. Leipzig: Schwickert 1795, Art. Brillen, S. 188 f.

Fischer: Über Genf und den Genfer-See (1796)

Im Hofe unter den Arcaden hat Herr Monti sein Gewölbe, ein artiger, gefälliger und billiger Mann, der mit Kupferstichen, Landkarten, Erd- und Himmelskugeln, physischen und optischen Instrumenten handelt. Seine Brillen und Brillengläser sind sehr gut, besonders die grünen. Man trägt diese hier im Sommer sehr häufig, auch junge Personen und selbst auf den Straßen.

Christian August Fischer: Über Genf und den Genfer-See. Berlin: Vieweg 1796, S. 94.

Gottlieb Konrad Pfeffel: Die Brille (1798)

Ein Greis trug eine grüne Brille,
Die seine Nase nie verließ,
Sein Nachbar, den man Doctor hieß,
Belachte diese dumme Grille,
Und rieth ihm, das verwünschte Glas,
Das stets ihn täuschte, wegzulegen.
Der Alte sagte dieß und das,
Bald seiner blöden Augen wegen,
Bald bloß aus Eigensinn, dagegen,
Doch jener hatte keine Ruh,
Und brach ihm einst die Brill' in Stücken.
Was that der Greis? Statt aufzublicken,
Schloß er nun gar die Augen zu.

Gottlieb Conrad Pfeffel: Poetische Versuche. Achter Theil. Tübingen: Cotta 1805, S. 60. — Das chronologische Verzeichnis führt das Gedicht unter 1798 auf.

Jung-Stilling: Der Graue Mann (1798)

Derjenige, welcher eine Brille mit rothen Gläßern auf seine Nase setzt und dadurch auf den Schnee guckt, der finded ihn röthlich. Der andere, der eine grüne Brille braucht, behauptet, er sey grün, und ein dritter, der durch Rauchglas sieht, glaubt gar, er sehe aus, wie ein glühendes Eisen. Wer hat nun recht? — ich glaube der, der gar keine Brille aufsezt, sondern mit seinen blosen Augen in den hellen Tag hineinschaut. Solche Brillen sind alle euere Vernunft-Weißheits-Systeme!!!

Johann Heinrich Jung (-Stilling): Der Graue Mann eine Volcksschrift. Viertes Stück. Nürnberg: Raw 1798, S. 6.

Tieck: Prinz Zerbino, oder die Reise nach dem guten Geschmack [...] (1799)

Stallmeister. [...] Das meiste aber könnte vielleicht bewirkt werden, wenn man die ganze bisherige Erziehung durchaus umarbeitete.
Gottlieb. Er meint, daß wir uns alle nochmal von vorne sollen erziehen lassen?
Stallmeister. Fern sey von Ihrem unterthänigsten Knecht dergleichen frevelhafter Gedanke. Ich wollte mich unterstehen, eine Schule anzulegen, in der die jetzige gegenwärtige Jugend zu ganz unbegreiflich großen Menschen sich ausbilden und heranwachsen sollte.
Gottlieb. Ei! ei! wie wollte er das in's Werk richten?
Stallmeister. Auf einem neuen Wege; als ich letzthin die Optik studirte —
Gottlieb. Was ist das?
Stallmeister. Ihnen zu dienen, die Kunst, Brillen zu machen. — Als ich letzthin die Optik studirte, bemerkt' ich, daß es etliche unterschiedliche Farben gäbe, als roth, blau, grün und so weiter.
Gottlieb. Sieh, sieh, das hab ich wahrhaftig auch bemerkt, ganz von selbst, ohne daß ich in meinem Leben die Brillenkunst gelernt hätte. So hat man oft Gaben in sich und weiß kein Wort davon. — Nun, fahr' er fort, mein Getreuer, Er ist ein gescheidter und sehr gelehrter Mann, ihm hört man mit Vergnügen zu.
Stallmeister. Auch ich höre mich selber mit Vergnügen. — Durch dergleichen mannichfaltige Fragen wollte ich nun in der lieben Jugend, vermittelst Zeugnisse ihres Wohlverhaltens, Genie und Fleiß auferwecken, damit die Künste und Wissenschaften bald anfangen zu grünen, und ihre Blüthe sich zur Frucht zu röthen.
Gottlieb. Sieh, sieh, das ist in der That pfiffig, und macht gar keine Beschwerde.
Stallmeister. Dafür aber werden Sie mir auch gütigst erlauben, über meine Schule einen großen Lärm anzufangen, beständig zu loben und lobzupreisen, (nehmlich mich) und in dergleichen nützlichen Erfindungen fortzufahren.
Gottlieb. Es sey ihm zugestanden, ja er soll mir alle Schule im ganzen Lande reformieren und alleroberster privilegirter Schulmeister seyn.

Ludwig Tieck: Romantische Dichtungen. Erster Theil. Jena: Frommann 1799, S. 339-341. — In der Gesamtausgabe (Berlin: Reimer 1828-1854, Bd. 10, S. 302 f.) wurde die Passage gestrichen.

Goethe: Farbenlehre (1810)

Goethe schließt sich 1810 in der Farbenlehre dem Argument an. Allerdings hatte Sömmering schon 1794 darauf hingewiesen,*) daß Goethe die dafür entscheidenden Versuche angestellt hatte.

So wie bei den Versuchen mit farbigen Bildern auf einzelnen Teilen der Retina ein Farbenwechsel gesetzmäßig entsteht, so geschieht dasselbe, wenn die ganze Netzhaut von Einer Farbe affiziert wird. Hievon können wir uns überzeugen, wenn wir farbige Glasscheiben vors Auge nehmen. Man blicke eine Zeitlang durch eine blaue Scheibe, so wird die Welt nachher dem befreiten Auge wie von der Sonne erleuchtet erscheinen, wenn auch gleich der Tag grau und die Gegend herbstlich farblos wäre. Ebenso sehen wir, indem wir eine grüne Brille weglegen, die Gegenstände mit einem rötlichen Schein überglänzt. Ich sollte daher glauben, daß es nicht wohlgetan sei, zu Schonung der Augen sich grüner Gläser, oder grünen Papiers zu bedienen, weil jede Farbspezifikation dem Auge Gewalt antut und das Organ zur Opposition nötigt.

Johann Wolfgang Goethe: Sämtliche Werke. Briefe, Tagebücher und Gespräche (Frankfurter Ausgabe). Hrsg. v. Hendrik Birus u. a. Frankfurt a. M.: Deutscher Klassiker Verlag 1985-1999, Bd. I, 23/1, S. 48.

Beer: Lehre von den Augenkrankheiten (1813)

Georg Joseph Beer gilt als Begründer der wissenschaftlichen Augenheilkunde. Die Lehre von den Augenkrankheiten ist sein Hauptwerk.

Daraus läßt sich leicht berechnen, welch' einen nachtheiligen positiven Einfluß schlecht zubereitete und schlecht aufbewahrte Brillen überhaupt selbst auf solche Augen haben müssen, die der Brillen bedürfen, das heißt, jene Brillen, welche nicht rein in der Masse, nicht gleichförmig geschliffen, und welche durch Schmutz und Risse getrübt sind; — und eben so leicht läßt sich aus dem Gesagten einsehen, wie sehr das Auge durch die hier und da wieder sehr beliebten grünen Brillen angestrengt werden und somit leiden muß; denn durch grüne, und alle gefärbte Gläser überhaupt, erscheinen nothwendig alle Gegenstände mehr oder weniger getrübt, und niemahls in ihrer, dem Auge zuträglichen wahren Beleuchtung; das Auge hat also weit mehr Mühe, dieselben genau zu erkennen. Vermuthlich verfiel man durch die ganz richtige Beobachtung, daß der Reflex von grün gefärbten Gegenständen jedem Auge, vorzüglich dem ermüdeten und sehr schwächlichen wirklich sehr wohl thut, und es so zu sagen erquickt, auf den einseitigen und voreiligen Schluß, daß auch grüne Brillen das Auge vorzüglich conservieren müßten; wozu noch überdieß die Weisheit der Brillenkrämer das Ihrige beiträgt.

Georg Josef Beer: Lehre von den Augenkrankheiten. Als Leitfaden zu seinen öffentlichen Vorlesungen entworfen. Bd. 1. Wien: Camesina 1817, S. 88.

Hoffmann: Das Fräulein von Scuderi (1819)

Bei Hoffmann geht das Motiv der grünen Brille auf grün funkelnde Augen über. Der berühmteste Juwelier in Paris, René Cardillac, ist von seinem Schmuck so besessen, daß er seine Käufer hinterrücks ermordet, um ihn sich wiederzubeschaffen. Hinter der Maske des Ehrenmannes lauert zwar der tückische Verbrecher, aber die Maske ist nicht mehr ohne weiteres als solche erkennbar, weil die Brille in die Augen selbst eingegangen ist — wie Kleists grüne Gläser die Augen selbst sind.

Wäre Cardillac nicht in ganz Paris als der rechtlichste Ehrenmann, uneigennützig, offen, ohne Hinterhalt, stets zu helfen bereit, bekannt gewesen, sein ganz besonderer Blick aus kleinen, tiefliegenden, grün funkelnden Augen hätte ihn in den Verdacht heimlicher Tücke und Bosheit bringen können.

E. T. A. Hoffmann: Gesammelte Werke in Einzelausgaben. Berlin, Weimar: Aufbau 1976-1988, Bd. 5: Die Serapionsbrüder II, S. 190 f.

Hauff: Mitteilungen aus den Memoiren des Satans (1825)

Wie komisch war die Wut dieses Mannes, er ballte die Faust und fuhr damit hin und her, seine grünen Brillengläser funkelten wie Katzenaugen, sein kurzes schwarzes Haar schien sich in die Höhe zu richten.

Wilhelm Hauff: Sämtliche Werke. Hrsg. v. Sibylle von Steinsdorff. München: Winkler 1970, Bd. 1, S. 366.

Heine: Reisebilder. Erster Teil (1826)

Nachdem ich meinen Magen etwas beschwichtigt hatte, bemerkte ich in derselben Wirtsstube einen Herrn mit zwei Damen, die im Begriff waren abzureisen. Dieser Herr war ganz grün gekleidet, trug sogar eine grüne Brille, die auf seine rote Kupfernase einen Schein wie Grünspan warf, und sah aus, wie der König Nebukadnezar in seinen spätern Jahren ausgesehen hat, als er, der Sage nach, gleich einem Tiere des Waldes, nichts als Salat aß.

Heinrich Heine: Werke und Briefe in zehn Bdn. Hrsg. v. Hans Kaufmann, 2. Aufl. Berlin und Weimar: Aufbau 1972, Bd. 3, S. 22.

Brockhaus-Enzyklopädie (1827)

Nur bei sehr reizbaren Augen, oder wenn man genöthigt ist, sehr glänzendweiße Flächen (z. B. den Schnee bei hellem Sonnenschein) lange Zeit anzusehen, ist es nützlich, sich grüner Gläser zu bedienen.

Allgemeine deutsche Real-Encyclopädie für die gebildeten Stände (Conversations-Lexikon), Bd. 2. 7. Aufl. Leipzig: Brockhaus 1827, Art. Brille, S. 213.

Gehler's Physikalisches Wörterbuch. Neubearbeitung (1828)

Die Neubearbeitung des Gehlerschen Wörterbuchs wertet die grünen Brillen, ganz entgegen dem wissenschaftlichen Trend der Zeit, mit einer nur schwer nachvollziehbaren, gegen die Einsichten Goethes und Lichtenbergs gerichteten, Argumentenfolge wieder auf. Vielleicht verdankt sich diese wissenschaftsgeschichtliche Kuriosität der Auseinandersetzung Christoph Heinrich Pfaffs, der dem Autorengremium angehörte, mit Goethe, der ihn als Kieler Pfaff titulierte. Der Artikel ist allerdings B (für Heinrich Wilhelm Brandes) gezeichnet.

Die grüne Farbe der Gläser verwirft Adams deswegen, weil sie den Gegenständen eine schmutzige Farbe geben, und sie nach Wegnahme der Brillen in röthlichem Lichte zeigen, woraus er eine schädliche Affection der Augen folgert. Letzteres ist unrichtig, indem die röthliche Tingirung der Objecte nach anhaltendem Sehen durch grüne Gläser bloß subjective Farbe ist. Das grüne Licht ist allerdings minder leuchtend, als das weiße, und wird daher das Auge weniger afficiren, mithin werden grüne Gläser dem nahe kommen, wenn man bei wenigerem Lichte sieht. Wenn man aber berücksichtigt, daß das grüne Glas der Brillen selten tief tingirt ist, folglich noch eine Menge weißes Licht durchläßt, daß der Eindruck der grünen Farben vorzüglich auf ein geschwächtes Auge, wofür ein alterndes meistens zu halten ist, vortheilhaft wirkt, daß endlich Kurzsichtige bei wenigem Lichte dennoch deutlich zu sehen pflegen, und Linsengläser überhaupt schärfer begrenzte Bilder geben, so folgt, daß nicht zu dunkel gefärbte Gläser vorzüglich bei reizbaren Augen eher vortheilhaft als nachtheilig sind; im Allgemeinen aber die hellsten und klarsten den Vorzug verdienen. Uebrigens bedienen sich diejenigen, deren Augen auf den weiten Schnee- und Eisfeldern der Polargegenden durch die große Intensität des Lichtes empfindlich afficirt werden, mit ausgezeichnetem Nutzen der grünen Brillen.

Johann Samuel Traugott Gehler's Physikalisches Wörterbuch. Neu bearb. von Brandes, Gmelin, Horner, Muncke, Pfaff. Bd. 4, 2. Abtheilung. Leipzig: Schwickert 1828, Art. Gesicht / Brillen, S. 1409 f.

Fechner: Das Hauslexikon (1834)

Fechner empfiehlt grüne bzw. blaue Brillen nur zu speziellen Zwecken, rät aber vom dauernden Gebrauch unbedingt ab. Dies ist wohl die typische medizinische Argumentation der Zeit, die Fechner allerdings sehr differenziert vorträgt.

Da auf empfindliche u. reizbare Augen die zu große Helligkeit der Brillen aus weißem Glase, besonders im Sonnen- u. reflectirten Schneelichte, oder in stark erleuchteten Sälen schädlich einwirkt, so werden für solche besondere Fälle Brillen aus grünem oder (noch besser) schwach azurblauem Glase verfertigt, die für Menschen von gewöhnlicher Sehkraft wirkliche Plangläser, sonst Convex- oder Concavgläser sind. Letztere bieten den (jedoch nur bei sehr scharfen Gläsern merklich werdenden) Uebelstand dar, daß sie, wegen Ungleichheit der Dicke, in der Mitte oder am Rande lichter in der Farbe als im übrigen Theile werden. Um ihn zu beseitigen, verfährt man so, daß man Brillen aus gewöhnlichem weißen Glase mit grünen oder blauen Plangläsern verbindet (isochromatische Brillen). Das farbige Glas wird vor das weiße gesetzt u. entweder an einem eigenen Charnier zum Zurückschlagen befestigt oder, unter Anwendung eines planconcaven oder planconvexen weißen Glases, unmittelbar auf dessen plane Fläche mittels eines vollkommen durchsichtigen Kittes befestigt. Für den gewöhnlichen anhaltenden Gebrauch sind übrigens A.[ugengläser] aus farbigem Glase unter keinerlei Umständen dienlich, da sie durch Abhaltung eines Antheils Licht die genaue Betrachtung der Gegenstände erschweren, somit eine schädliche Anstrengung des Auges hervorrufen u. allmälig das Auge entwöhnen, den Reiz des natürl. weißen Lichts zu vertragen. Nach Wegfall der speciellen veranlassenden Ursache ihres Gebrauchs sind sie daher immer wieder wegzulegen.

Gustav Theodor Fechner: Das Hauslexikon. Vollständiges Handbuch praktischer Lebenskenntnisse für alle Stände. Band 1: Aachener Heilquellen - Brunia. Leipzig: Breitkopf und Härtel 1834, S. 318.

Weerth: Fragment eines Romans (1843-1847)

Links an dem Schreibtische seines Herrn lehnte der Buchhalter Weber, prisend und grinsend, die grüne, geputzte Brille auf der kupferroten Kartoffelnase, die Hände in den Hosentaschen, im grauen Comptoirrock, aus dessen durchlöcherten Ärmeln die spitzen Ellenbogen nach allen Seiten im Schmuck des gelblichweißen Baumwollhemdes ins Weite starrten.

Georg Weerth: Sämtliche Werke in fünf Bänden. Hrsg. v. Bruno Kaiser. Berlin: Aufbau 1956-1957, Bd. 2, S. 227 f.

Poe: Der stibitzte Brief (The Purloined Letter, 1845)

Der Detektiv Auguste Dupin sucht in Poes Kriminalerzählung einen Brief, den ein Minister entwendet hat, in dessen Arbeitszimmer und in seiner Anwesenheit. Um seine Augenbewegungen vor dem Minister zu verbergen, setzt Dupin eine grüne Brille auf, die gegen Mitte des Jahrhunderts in Paris (oder in Amerika) offensichtlich noch bei schwachen Augen, wie es im Text heißt, empfohlen wurde. Ob Poe auf französische Quellen zurückgriff oder auf eigene amerikanische Erfahrungen, mag offenbleiben. Dupin erzählt:

[...] je mehr ich mir das alles überlegte, desto gewisser ward ich, daß der Minister, um diesen Brief zu verbergen, auf den bündigen und scharfsinnigen Ausweg verfallen sein mußte, gar nicht erst den Versuch zu unternehmen, ihn zu verbergen.
Von diesen Gedanken erfüllt, rüstete ich mich mit einer grünen Brille aus und sprach eines schönen Morgens rein wie zufällig beim Palais des Ministers vor. Ich traf D--- [den Minister] zu Hause an, gähnend, trödelnd, faulenzend, wie üblich: er stellte sich, als plage ihn das letzte Extrem von ennui. Dabei ist er in Wirklichkeit vielleicht der tatkräftigste Mensch, der jetzt lebt — doch das nur, wenn niemand ihn sieht.
Um mit ihm gleichzuhalten, klagte ich über meine schwachen Augen und bejammerte die Notwendigkeit der Brille, unter deren Schutz ich behutsam und gründlich das Gemach musterte, derweilen meine Obacht scheinbar nur auf die Unterhaltung mit meinem Gastgeber gerichtet war.

Edgar Allan Poe: Der stibitzte Brief. In: Das gesamte Werk in zehn Bänden. Hrsg. v. Kuno Schumann und Hans Dieter Müller. o. O. [Herrsching]: Pawlak 1979, Bd. 2, S. 938 f.

Gutzkow: Die Ritter vom Geiste (1850/51)

Der große Unbekannte, der sich hinter Maske und grüner Brille verbirgt, tritt gehäuft im 4. und 5. Buch von Gutzkows Roman auf.

Eine maskirte Gestalt huschte an den beiden Lesern vorüber und warf aus einer grünen gemalten Brille über der gewaltigen Nase einen scharfen Blick auf die beiden in ihren Charakterstudien vertieften Polizeiagenten, indem sie eine Secunde etwas hustend stehen blieb ...
Wünschen Sie etwas? fragte Kümmerlein.
Pardon! war die Antwort und die Maske mit der grünen Brille huschte rasch wieder in's Dunkel und verschwand mit ihrem etwas röchelnden Husten hinter den Büschen.
Pardon? riefen die beiden Collegen ...
Pardon? Das war ja —
Französisch —
Mit'm Azent —
Kommen Sie doch! sagte Kümmerlein, ich glaube, der echappirte auf den Saal zu und überhaupt sollen wir auf Loge Nr. 18 vigiliren. Eine grüne Brille? Merken wir uns Das, Mullrich! Es war ein Franzose!

Karl Ferdinand Gutzkow: Die Ritter vom Geiste. Roman in neun Büchern. Hrsg. v. Thomas Neumann. Frankfurt a.M.: Zweitausendeins 1998, S. 1311-1312

Storm: Hinzelmeier. Eine nachdenkliche Geschichte (1855)

Der junge Hinzelmeier stammt von glücklichen Eltern; der Vater hatte die Mutter im Rosengarten gesucht und gefunden, wodurch beide ihr Leben lang jung bleiben. Hinzelmeier verläßt das Elternhaus, um den Stein der Weisen zu suchen. Nach der Lehrzeit bei einem Alchemisten schenkt dieser ihm einen Raben mit grüner Brille auf dem Schnabel. Auf seiner weiteren Wanderung begegnet Hinzelmeier einem Mädchen, seiner eigenen Rosenjungfrau, doch der Rabe läßt vor dem Augenblick der Erfüllung die grüne Brille auf Hinzelmeiers Nase fallen. Die Welt verwandelt sich, und Hinzelmeier macht sich wieder auf die Suche nach dem Stein der Weisen. Mehrfach wiederholt sich diese Szene, bis er nach einem unerfüllten Leben stirbt, von seiner Rosenjungfrau betrauert, die ihm in der Hoffnung gefolgt war, er werde sich ihr zuwenden. — Die grüne Brille steht hier für die unerfüllbare Sehnsucht nach dem Wissen, die vom Genuß der farbigen Gegenwart und der Liebe ablenkt und die Welt auf die Grauwerte der Bücher bzw. die Grünwerte der Brille reduziert.

[Beim Abschied] griff [der Meister] mit der hageren Faust in seinen Bart und riß ein schwarzes Haar heraus. Das blies er durch die Finger; da schwang es sich als Rabe in die Luft.
Nun schwenkte er den Stab im Kreise um sein Haupt, und wie er schwenkte, flog der Rabe; dann streckte er den Arm aus und der Vogel setzte sich auf seine Faust. Hierauf hob er die grüne Brille von seiner Nase; und während er sie auf des Raben Schnabel klemmte, sprach er:

Wege sollst du weisen,
Krahirius sollst du heißen!

[...]

Hinzelmeier drängte das Mädchen sanft in die Kammer zurück und stemmte die Hände auf das Fensterbrett, um sich mit einem Satz hineinzuschwingen; da hörte er es: »Krahira, krahira!« über seinem Kopfe schwirren, und ehe er sich's versah, ließ der Rabe die grüne Brille aus der Luft und grade auf seine Nase fallen. Nur wie im Traume sah er noch das Mädchen die Arme nach ihm ausstrecken; dann war auf einmal alles vor seinen Augen verschwunden; aber in weiter Ferne sah er durch die grünen Gläser eine dunkle Gestalt in einem tiefen Felsenkessel sitzen, welche mit einem Stemmeisen eifrig in den Grund zu bohren schien.

[...]

Nur eine kleine Weile noch, sagte er zu sich selber und ließ noch einmal seine müden Füße wandern. Als er aber den großen, breiten Stein allmählich in der Nähe sah, da dachte er: Den wirst du nimmer heben.
Endlich hatten sie die Höhe erreicht, Krahirius flog voran mit ausgebreiteten Schwingen und ließ sich auf den Baumstamm nieder; Hinzelmeier wankte zitternd hinterher. Als er aber den Baum erreicht hatte, brach er zusammen, der Wanderstab glitt aus seiner Hand, sein Kopf sank auf den Stein zurück; doch in demselben Augenblick fiel auch die Brille von seiner Nase. Da sah er tief am Horizonte, am Rande der öden Ebene, die er durchwandert hatte, die weiße Gestalt der Rosenjungfrau; und noch einmal hörte er aus weiter Ferne:

Rinke – ranke – Rosenschein.

Er wollte aufstehen, aber er vermochte es nicht mehr; er streckte seine Arme aus, aber ein Frösteln lief über seine Glieder; der Himmel wurde grau und grauer, der Schnee fing an zu fallen, Flocke um Flocke, es schimmerte und flirrte und zog weiße Schleier zwischen ihm und der fernen, nebelhaften Gestalt. Er ließ die Arme fallen, seine Augen sanken ein, sein Atem hörte auf. Auf dem Weidenstumpf zu seinen Häupten steckte der Rabe den Schnabel zum Schlaf in seine Flügeldecken. — Der Schnee fiel über sie beide.
Die Nacht kam, und nach der Nacht kam der Morgen, und mit dem Morgen kam die Sonne, die schmolz den Schnee hinweg, und mit der Sonne kam die Rosenjungfrau; die löste ihre Flechten und kniete neben dem Toten, daß die blonden Haare sein bleiches Antlitz ganz bedeckten und weinte, bis der Tag verging. [...] Dann zerriß sie ihr weißes Kleid vom Saum bis an den Gürtel und ging zu ewiger Gefangenschaft in den Rosengarten zurück.

Theodor Storm: Sämtliche Werke in vier Bänden. Hrsg. v. Karl Ernst Laage und Dieter Lohmeier. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft 1998, S. 35, 39 und 50 f.

Pierer's Universal-Lexikon (1857)

Außer Brillen mit farblosem Glase hat man deren auch von grünem u. blauem Glas, doch nur für kranke Augen u. bei besonderen Fällen, wie gegen Schnee, in sehr erleuchteten Sälen, gegen scharfes Sonnenlicht; ebenso Bernsteinbrillen, wo das Medium der Brillen aus Bernstein geschliffen ist; räthlich sind davor zu klappende Plangläser (isochromatische Brillen).

Pierer's Universal-Lexikon der Vergangenheit und Gegenwart oder Neuestes encyclopädisches Wörterbuch der Wissenschaften, Künste und Gewerbe, Bd. 3. 4. Aufl. Altenburg: Pierer 1857, S. 312.

Raabe: Die Leute aus dem Walde, ihre Sterne, Wege und Schicksale (1863)

Das Nashorn aber trug auf der Spitze seiner Nase eine grüne Brille, welche ihm ein höchst lächerliches Aussehen gab, und wurde es Herr Kommissionsrat tituliert.

Wilhelm Raabe: Ausgewählte Werke in sechs Bänden. Herausgegeben von Peter Goldammer und Helmut Richter, Berlin und Weimar: Aufbau 1964–1966, Bd. 2, S. 387

Wassermann: Das Gänsemännchen (1915)

Bei Wassermann lodern grüne Augen hinter Brillengläsern. Die grüne Brille ist hier noch deutlicher als Hintergrundmotiv erkennbar als bei Hoffmann.

Dann begab er sich ans Klavier, schlug das wehvolle Hauptmotiv an und die beiden Seitenthemen, kontrapunktierte sie, steigerte, variierte, modulierte und sang zugleich. Seine Pupillen hatten sich erweitert und loderten hinter den Gläsern der Brille in grünem Feuer. Da kniete Regina Sußmann neben dem Instrument nieder.

[...]

Benda hatte am Gatter still gewartet. Sie hat mir die Maske zerbrochen, sagte Daniel mit verzerrtem Lächeln, als er zu ihm trat; die Maske, die du mir einst geschenkt hast, erinnerst du dich? Sonderbar, daß es gerade heute ist, gerade bei unserm Wiedersehen. Man kann sie vielleicht kitten, wagte Benda zu trösten. Ich bin nicht fürs Kitten, antwortete Daniel, und hinter den Brillengläsern funkelte es grün.

Jakob Wassermann: Das Gänsemännchen. 88. bis 91. Aufl. Berlin: Fischer, 1929, S. 472 und 559.

Frank Ufen: Überlange Augäpfel (2012)

Mittlerweile setzt sich in der Forschung die Überzeugung durch, daß normale Dosen starken Sonnenlichtes Kurzsichtigkeit verhindern; grüne Brillen (und Sonnenbrillen überhaupt) würden demnach, von speziellen Fällen abgesehen, die Augen schädigen, wenn sie häufig getragen werden.

Mittlerweile sprechen die Befunde einer Reihe von Tierexperimenten für die Vermutung, daß Kurzsichtigkeit allein durch einen Mangel an Tageslicht hervorgerufen werden kann.

Vor kurzem verpaßten zwei Mitarbeiter Schaeffels [eines Augenheilkundlers an der Uniklinik Tübingen] — Regan Ashby und Arne Ohlendorf — Hühnerküken Mattbrillen, die ein nahes Sehen vortäuschen. Jeden Tag wurden den Tieren für 15 Minuten die Brillen abgenommen. In dieser Viertelstunde kam die eine Hälfte der Küken an die Sonne. Die andere blieb im Labor, bei künstlichem Licht mit einer Stärke von 500 Lux. Bei diesen Küken wurde nach einiger Zeit doppelt so häufig Kurzsichtigkeit diagnostiziert wie bei denjenigen, die täglich eine Dosis Sonnenlicht erhielten. In weiteren Versuchen wurden Scheinwerfer mit der Beleuchtungsstärke von 15000 Lux eingesetzt. Die enorme Helligkeit, die mit ihnen erzeugt wurde, wirkte sich auf die Augen der Hühner ähnlich wohltuend aus wie das Sonnenlicht.

Frank Ufen: Überlange Augäpfel. Lesen Sie diesen Text möglichst in mehr als 30 Zentimeter Entfernung. Stand der Forschungen zur Kurzsichtigkeit. In: Junge Welt, 2. Feb. 2012, S. 15.

Anmerkungen

1 Christian Morgenstern: Sämtliche Dichtungen. Hrsg. v. H. O. Proskauer. Basel: Zbinden 1971–1980, Bd. I, 3, S. 13.

2 Michael Mandelartz: Von der Tugendlehre zur Lasterschule. Die sogenannte Kantkrise und Fichtes Wissenschaftslehre. In: ders.: Goethe, Kleist. Literatur, Politik und Wissenschaft um 1800. Berlin: Erich Schmidt 2011, S. 53-75, hier S. 57, Anm. 13.

3 So schlägt etwa Manfred Schneider: Die Gewalt von Raum und Zeit. Kleists optische Medien und das Kriegstheater. In: Kleist-Jahrbuch 1998, S. 209-226, hier S. 212-218, vor, Kleist habe sich auf die in der Landschaftsmalerei gebräuchlichen sog. Claude-glasses bezogen.

4 Heinrich von Kleist: Sämtliche Werke und Briefe. Hrsg. v. Ilse-Marie Barth u. a. Frankfurt a. M.: Deutscher Klassiker Verlag 1987-1997, Bd. 4, S. 210 (Brief vom 28. März 1801 an Wilhelmine von Zenge)

5 Albert von Pflugk: Farbige, insbesondere grüne Gläser als Augenschutz. Ein Rückblick und Ausblick. Berlin: Karger 1929 (Das Heft war mir nicht zugänglich).

6 Eberhard Siebert: Heinrich von Kleist. Eine Bildbiographie. Heilbronn: Kleist-Archiv Sembdner 2009, S. 100.

<http://www.kisc.meiji.ac.jp/~mmandel/recherche/kleist-gruene-glaeser.html>
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