Adam Müller: Schema der Kugel

Aus: Versuche einer neuen Theorie des Geldes (1816)

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Wird der Werth eines ökonomischen Objects bestimmt, so denken wir uns selbiges lebendig, persönlich und productiv; wir denken uns eigentlich nur das in dem Object verborgene, ewige Leben, die darin verborgene Kraftrichtung, das heißt: das Verhältniß zu andern Kraftrichtungen, und da alle diese Richtungen nach der Vereinigung streben, die Richtung nach dem Mittelpunkt. — An dem unendlich symbolischen Schema der Kugel wird sich die Sache am besten verdeutlichen lassen. Denken wir uns alle ökonomischen Thätigkeiten als Linien, die bekanntlich weder breit, noch dick, sondern nur lang sind. Wir wissen daß je zwey ökonomische Thätigkeiten zusammen streben müssen, wenn nicht nur ein Produkt herauskommen, sondern wenn sie überhaupt nur fortdauern sollen. In dem Material eines Handwerkes, zum Beyspiel: in dem Leder das der Schuhmacher gebraucht, ist die Anlage zu einer ökonomischen Thätigkeit; in seinem mit Werkzeugen bewaffneten Händen schlummert gleichsam die andere ökonomische Thätigkeit. Noch arbeitet er nicht; actu sind die beyden ökonomischen Thätigkeiten noch nicht vorhanden. Man übersehe nicht, daß das Leder, wenn die Arbeit angefangen wird, sich wehren wird, gegen die Angriffe des Pfriemens, daß es seine eigenthümliche Kraft hat, die nachgiebig behandelt, ja sogar geschont werden muß, wenn der Schuh zu Stande kommen soll; kurz die nicht etwa roh zu erzwingen ist, wie ja auch dieß bestimmte Leder durch anderweite vorhergehende Arbeit erst herbeygereitzt werden mußte. Jeder tüchtige Meister dieser edeln Kunst würde mich verstehen; denn er zeigt schon durch die wachsende Liebe, die er zu dem Materiale trägt, daß mit demselben eine andere Kraft der Kraft seiner Hände und Werkzeuge (die ja nichts anders sind als die künstlich zugerichtete und erweiterte Hand) hülfreich entgegen kommt. Die Arbeit fängt also an, sobald die Kraft der bewaffneten Hand und die andere Kraft des Materials sich einander entgegen neigen. Diese Convergenz der beyden Kräfte äußert sich darin, daß ein Schuh entsteht, zuförderst ein sehr unvollkommener Schuh, aber in der fortgehenden Verbesserung des Produktes zeigt sich, daß sich die beyden Kraftrichtungen mehr und mehr ihrem Vereinigungspuncte nähern. —

Kurz die Bedingung der fortgehenden Schuhmacher-Produktion und jedes möglichen gedenkbaren Gewerbes einzeln genommen, ist die fortgehende Convergenz zweyer entgegengesetzter Thätigkeiten. Da nun aber jedes einzelne Gewerbe nicht bloß aus zwey convergierenden Kraftrichtungen besteht und entsteht, sondern auch wieder der beständigen hülfreichen Entgegenkunft anderer Gewerbe, anderer Kraftrichtungen bedarf; ja, da es den Beystand aller übrigen voraussetzt — so sind alle diese verschiedenen Kraftrichtungen nur zu denken, in wie fern sie von allen verschiedenen Seiten her nach einem gemeinschaftlichen Mittelpunkt convergieren.*) Dergestalt werden nun alle diese verschiedenen Linien zu den Radien einer Kugel, welche die Haushaltung eines Staates unter allen gedenkbaren Figuren am richtigsten abbildet.

Wenn es dagegen erlaubt ist, den Theorien unserer Zeit, die in ihren durcheinander schwelgenden Widersprüchen eigentlich kein einziges bleibendes und festzuhaltendes Kennzeichen aufkommen lassen, ein mathematisches Schema unterzulegen, wo möchte ich in ihren vorwaltenden Grundsätzen über die Richtungen der ökonomischen Thätigkeiten die Parallellinien des Euklides wieder erkennen: die Kräfte könnten nach ihnen in alle Ewigkeit neben einander herlaufen und wettlaufen, ohne sich je zu berühren oder in dem präsumierten Ziele zusammen zu treffen.

 


*) Eine gerade Linie individualisiert sich, wird zur bestimmten Linie, nur durch eine andere auf sie in Beziehung gesetzte, das heißt: mit ihr in der Verlängerung convergierende Linie.

Meistentheils vergessen wir, daß der Rand der Tafel oder des Papiers, worauf wir unsere Linie verzeichnen, diese Linie schon individualisiert, oder die Antilinie darbiethet, durch die sie erst zu einer Linie wird, und so übersehen wir den wichtigsten Umstand in der Geometrie, daß es nähmlich zwey Linien geben müsse, damit eine. Daher die Unmöglichkeit die Parallellinien auf dem gewöhnlichen Wege zu demonstrieren. Es sind identische Linien, wie sich ausweist, wenn sie, wie beym Euklides geschehen, durch eine dritte convergierende Linie individualisiert werden.

Text nach: Adam H. Müller: Versuche einer neuen Theorie des Geldes. Mit erklärenden Anmerkungen versehen von H. Lieser. Jena: G. Fischer 1922, S. 59-62 (zuerst Leipzig und Altenburg: F. A. Brockhaus 1816).

<http://www.kisc.meiji.ac.jp/~mmandel/recherche/mueller-kugel.html>
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