Auf dem Rücken von Schildkröten

Oder: Die Rückkehr der Wissenschaft zum Mythos. Materialien zur Geschichte einer Anekdote

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Von Michael Mandelartz
Stand: 10. Februar 2015. Erste Fassung: 4. Januar 2006.

VorbemerkungKurma avataraIndische SprücheBaldaeusFontenelleLockeLeibnizShaftesburyHutchesonDiderotLessingHumeMendelssohnRousseauWinckelmannHerderWielandGoetheAdelungVolneyWollstonecraftMaimonFichteHerbert und NiethammerNicolaiLichtenbergBouterwekJacobiKrugHegelBaggesenIrvingAdam MüllerGörresColeridgeCreuzerMary ShelleyWeberFeuerbachGodwinBalzacChalybäusKernerA. v. HumboldtThoreaude QuinceyHoltLangeHartmannFontaneNietzscheAcklandZiehenRilkeScheerbartJamesChestertonMauthnerCassirerShawLukácsRussellSellarsGeertzHawkingKnorr CetinaAnmerkungen

Vorbemerkung

Die Anekdote von der welttragenden Schildkröte wird wohl zuerst von Jesuiten aus Indien nach Europa transferiert worden sein. Im Hinduismus gehört die Schildkröte zu den zehn Verkörperungen Vishnus. Athanasius Kircher spricht in China Monumentis (1667) von zehn Inkarnationen1. Die heidnischen Mythen legitimiert er durch den Nachweis, daß sie mit den biblischen Lehren übereinstimmen. Klarer und ausführlicher als Kircher geht dann Philippus Baldaeus, der selbst als Missionar in Süd- und Südostasien tätig war, auf den Mythos ein. Vishnu richtet Baldaeus zufolge in seiner zweiten Verwandlung als Schildkröte den (Welt-) Berg Mahameru, der in die See gefallen war, auf seinem Rücken wieder auf. Womit dann diese Heyden außer zweifel wollen zu verstehen geben / daß Gott die Welt träget / wie Hebr. I. gelehret wird.

Die biblischen Analogien und katholischen oder protestantischen Teilrechtfertigungen verloren jedoch an Geltung, sobald das heliozentrische Weltbild selbstverständlich, Gott nur noch die Rolle des ersten Bewegers zugestanden und die Welt aus rationalen Grundsätzen erklärt wurde. In Fontenelles erstmals 1686 erschienenen Gesprächen über die Vielzahl der Welten erscheint dann, soweit ich sehe, erstmals die Anekdote von den Indern, die die Welt von vier Elephanten tragen lassen. Die größte Wirkung entfaltete sie aber wohl in der Fassung, die ihr John Locke in seinem Hauptwerk (1689) gab. Bei ihm gibt der indische Weltweise erst auf die Nachfrage eines Engländers die Auskunft, die Welt ruhe auf einem Elephanten, dieser auf einer Schildkröte und diese auf Etwas, aber er wisse nicht was. Der Engländer deutet vielleicht darauf hin, daß Locke Berichte von britischen Kolonialhändlern vorlagen. Von Locke und Fontenelle wird die Anekdote, häufig zur Metapher verkürzt, bis zur neuesten Wissenschaftstheorie weitergereicht, nach Sellars wohl ohne Wissen um ihren Ursprung. Das Bild ist auf Grundlosigkeit hin angelegt, zugleich aber für die verschiedensten Inhalte und selbst gegensätzliche Deutungen offen. Innerhalb der europäischen Philosophie kann die Anekdote daher mehrere Problemfelder von der Kosmologie über Substanz-Akzidens, Ästhetik und Letztbegründung durchlaufen. Besonders dicht werden die Belege, beginnend mit Salomon Maimon, in der Diskussion um Kants Transzendentalphilosophie (Maimon, Fichte, Nicolai, Bouterwek, Jacobi, Krug, Hegel). Dieter Henrich hat die Wanderung des Motivs in der Philosophie um 1800 mit Blick auf Hegel untersucht,1a und Monika Tokarzewska folgt ihm (im Zusammenhang mit dem anderen Motiv des Archimedischen Punkts) als metaphorischer Grundlage der Fichteschen Philosophie.1b

Nach 1800, spätestens nach den indischen Studien Friedrich und August Wilhelm Schlegels, gehörte die indische Kosmogonie wohl zum Bildungswissen. Als solches zitiert sie Washington Irving in seiner Kollektion von Weltentstehungstheorien. Vielleicht transferierte Irving auch die philosophische Variante der Anekdote von England nach Amerika: In den 1820er Jahren gehörte er zum Kreis um Mary Shelley,2 in deren Familie sie eine größere Rolle gespielt zu haben scheint: Sie taucht auf in der Einführung zu Shelleys Frankenstein (Ausgabe von 1831), in der von ihrer Mutter Mary Wollstonecraft verfaßten Schrift A Vindication of the Rights of Woman (1792) und in Thoughts on Man (1831) von ihrem Vater William Godwin. Irving verleiht ihr erstmals den ironischen Ton, der die amerikanische Rezeption bestimmt: Prinzipiell sind alle Mythen gleichberechtigt, jeder mag sich seinen aussuchen, und diejenigen der diversen toten Philosophen geben nur einen Ausschnitt aus vielen Möglichkeiten, sich die Welt zu erklären. Zugleich wird das ebenfalls die amerikanische Rezeption prägende Thema der Astronomie wieder angeschlagen, die Naturwissenschaft tritt an die Stelle von Logik und Metaphysik. Die Frage nach der Wahrheit hat bei Irving ausgespielt. Spätestens mit Thoreau und dem christlichen Massenschriftsteller Joseph Holt dürfte die Anekdote einige Popularität in den USA erlangt haben. Von hier dringt sie in den christlichen Fundamentalismus (z. B. Ackland) ein, Holt bringt aber auch als erster die Rückfrage des Rationalisten an den Naiven: And what thinkest thou, Rathos, is its foundation? Daran schließt sich wohl die gegenwärtig kolportierte Geschichte von der alten Dame an, die sich von einem Philosophen nicht in ihrem mythischen Weltbild erschüttern läßt (Hawking).

Die Rückkehr von der Literatur zur Philosophie, diesmal der amerikanischen, findet bei Thoreau statt. Seine erste Version knüpft noch an Irvings Freude am grundlosen Spiel mit den Mythen an, die zweite bringt, in kulturkritischer Absicht, mit dem Gegensatz vom granitenen Fundament und dem Gerede der Leute, die sich nur aneinander lehnen statt sich auf etwas zu stützen, wieder die Wahrheit und ihren Grund ins Spiel. William James fügt, in wörtlicher Anknüpfung an Thoreau, die beiden getrennten Momente in einer Wendung gegen Thoreau wieder zusammen, indem er die Grundlosigkeit positiv wertet: Die naturwissenschaftlichen Experimente lehnen aneinander, ruhen insgesamt aber auf nichts und setzen sich damit dem Vorwurf von seiten der Rationalisten aus, es fehle eine Letztbegründung. Der tough-minded Pragmatiker kann aber auf die Zustimmung Thoreaus oder europäischer Metaphysiker verzichten. Er verläßt sich statt auf Gründe lieber auf seine Kraft, um die puren wahrnehmbaren Fakten zu bewältigen. Das Argument kehrt damit zum Empiristen Locke zurück, der den Begriff der Substanz als unklärbar, als dubiose Hinterwelt hinter den Dingen verwarf. Was bei Locke die Substanz, ist bei James der Grund. Allerdings weist Locke noch seinen Gegnern die Position des indischen Philosophen zu, während James sich selbst in die Position des Irrationalisten gerückt sieht — und sie akzeptiert. Die Problemgeschichte der kontinentalen Philosophie nach Locke kann überspringen, wer tough genug ist. Doch sieht sich ein halbes Jahrhundert später Sellars genötigt, James' pure Fakten oder, in Sellars' eigener Terminologie, den Myth of the Given zu eliminieren und Unterscheidungen einzuführen, die denen der europäischen Tradition zum Verwechseln ähnlich sehen.

Die Positivierung des Mythos findet ihre Fortsetzung bei Clifford Geertz, der die Perspektive umkehrt: es handelt sich nicht mehr um eine europäische Geschichte von einem Inder, sondern um eine indische Geschichte von einem Europäer. So kann die rationalistische, nach Gründen fragende Wissenschaft in Gestalt des Ethnographen leicht lächerlich gemacht und die anthropologische Kulturwissenschaft als unabschließbares, weil grundloses Unternehmen an den Mythos angeschlossen werden. Stephen Hawking überträgt dieses Argumentationsmuster auf die aktuelle Naturwissenschaft zurück, und Karin Knorr Cetina beschreibt zuletzt dankenswerterweise, daß es sich tatsächlich so verhält: die Laborwissenschaften haben sich inzwischen nicht nur von den Gründen, sondern gleich auch von der Natur verabschiedet.

Es ist bezeichnend für die neuere Rezeption der Lockeschen Anekdote, daß die Verfasser weder ihren Ursprung noch ihren Problemzusammenhang zur Kenntnis nehmen und folglich auf den Diskussionsstand der indischen Mythologie zurückfallen. Raum und Zeit schnurren zusammen: bei Geertz auf die Intimität des Gesprächs, das Authentizität, bei Hawking auf den Diskurs über die Wissenschaft, der Autorität verbürgt. In beiden Fällen ist der Mythos nicht mehr das Andere der Vernunft, sondern nistet sich in der Wissenschaft selbst ein. Indien kommt bei Hawking nicht mehr vor, und man fragt sich, woher die alte Dame wohl die skurille Idee hat, die Erde werde von einer Riesenschildkröte getragen. Im Gegenzug wird die Wissenschaft selbst zum Mythos. Im letzten Kapitel von Hawkings Buch stehen die Theorie der Schildkröten und die Superstringtheorie gleichberechtigt nebeneinander, und das mit Recht, denn keine kann sich auf Anschauung berufen. Daß Hawking die relative Überlegenheit der Superstringtheorie ausgerechnet in dem Umstand sucht, daß sie nicht prognostiziert, man könne am Rand der Erde herunterfallen, ist allenfalls ein schwaches Argument — ganz abgesehen davon, daß wohl kein Anhänger der Schildkrötentheorie dies je behaupten würde. Denn die Überlegenheit der Superstringtheorie gründet sich nur noch darauf, daß sie kein Kriterium für die Falsifikation anbietet — und dies wäre wohl eher ein Argument gegen als für sie. Die Wissenschaft hat erkenntnistheoretisch denselben Status wie der Mythos erreicht, und sie beansprucht auch nicht, mehr zu sein; es reicht, Bestseller zu schreiben und Forschungsmittel einzuwerben.

Erst nachdem die Vergangenheit der Anekdote vergessen worden ist, kann sie unter dem Titel Turtles all the way down zu einer sogenannten urban legend, zu einem Mythos des Internets mit einem eigenen Artikel in der Wikipedia werden. Der Mythos ist hier und jetzt angekommen, die Zeit der Geschichte eliminiert: The origins of this story are uncertain, heißt es in der Wikipedia.3

Kurma awatara,

Vishnu als Schildkröte
Vishnu als Schildkröte. Quelle:
Vollmer's Wörterbuch der Mythologie.

(Ind. M.), die Verkörperung des Gottes Wischnu in einer Schildkröte. Die Götter kämpften mit den Riesen, der Unsterblichkeitstrank sollte bereitet werden, und sie riefen den Luftgott, den Affen Baali, herbei, um den Weltberg Mandar zu bewegen, wozu auch die Ewigkeitsschlange Addisseschen gebraucht wurde, indem man sie als Seil um den Berg schlang. Der Berg drohte in das Milchmeer, in welchem er stand, zu versinken, da unterstützte ihn Wischnu in seiner zweiten Verkörperung als Schildkröte, auf welcher nun der Berg und die Welt ruht.

Dr. Vollmer's Wörterbuch der Mythologie aller Völker. Neu bearbeitet von Dr. W. Binder. 3. Aufl. Stuttgart: Hoffmann'sche Verlagsbuchhandlung 1874, S. 303. Vgl. auch den Art. Wischnu in Meyers Konversations-Lexikon (1890) und das Mahabharata, Kap. XVIII.

Indische Sprüche

1534. (598.) Die Erde wankt, obgleich eine Schildkröte, Hauptberge, Weltelephanten und ein Schlangenkönig sie halten; die Zusage von Männern reinen Sinnes wankt nicht, auch wenn die Welt zu Grunde geht.

Indische Sprüche. Sanskrit und Deutsch. Hrsg. v. Otto Böthlingk. Osnabrück: Zeller; Wiesbaden: Harrassowitz 1966 (Neudruck d. Ausg. St. Petersburg 1870-1873), Bd. 1, S. 294.

Philippus Baldaeus

Wahrhaftige Ausführliche Beschreibung Der Berühmten Ost-Indischen Kusten Malabar und Coromandel, ... (1672)

Baldaeus: Wahrhaftige Beschreibung, 1672
Vishnu als Schildkröte. Quelle:
Ph. Baldaeus: Wahrhaftige ...
Beschreibung ... Amsterdam 1672
, S. 477.

Wir wollen nunmehr weiter gehen und sprechen von des Vistnums zweyten Verwandlung in eine Schildkröte / um / die wackelnde und fallende Welt zu unterstützen.
In der Milchsee (dann diese halten die Heyden für gewiß) versamleten sich die 33 Götter und 66 Adires, von welchen zuvor einige Anregung geschehen / damit sie wegnehmen möchten die Ambrosiam, bey ihnen Amurtam, bey andern Amortam, auch (wie von den Heyden berichtet worden) Amratam genant. Andere erzählen / daß Vistnum und Ixora auf eine Zeit die guten und bösen Geister sollen haben zusammen berufen / um etwas zu erfinden von sotahniger Kraft / daß diejenigen / welche es genießen würden / nicht mehr solte hungern noch dursten / noch Müdigkeit oder Tod ihnen zuentstehen. Man solle dann für gut befunden haben / den Berg Mahameru (den Rogerius Merouwa nennet) ins Meer zu werfen / und daß man denselben wie ein Holtz an der Drechselbank solte umdrähen. An stat eines Seils solle man gebraucht haben die große Schlage Harugu, bey den hochgelehrten Braminen Sescha genant (welch Wort mit einer verdoppelten Zungen gegen den Gaumen muß ausgesprochen werden.) Diese Schlagne ist so gros / daß sie die sieben Welten und Weltmeere umringet. Also huben dann diese Helden an zu drähen und winden / wie sie aber sahen / daß der Berg unbeweglich blieb / so rieffen sie zu hülfe Baly, einen berühmten Affen / wovon hernach in der Erzählung von Siri Rama soll gesaget werden. Wie Baly ihnen zu hülfe kam / geschach es / daß der besagte Berg umging / da finden sie eine schöne Frau / Dara genant / welche sie Baly zueigneten für seine Arbeit; als sie ferner das Werk fortsetzten / siehe so fiel der Berg in die See / indem man nun keinen Raht sahe / denselben wieder aufzurichten / so begehret man Hülfe von Vistnum, welcher sich in eine Schildkröte veränderte / und in See untertauchend den Berg wieder aufrichtet. Womit dann diese Heyden außer zweifel wollen zu verstehen geben / daß Gott die Welt träget / wie Hebr. I. gelehret wird; inmaßen auch die Heyden vom Atlas fabuliren / dessen sieben Töchter solten seyn die Plejades und Hesperides. Allhier fand Vistnum ein schön Frauenbild Macha Lecxemi, welche er zum Weibe nahm / und gebrauchte sie für seinen Hauptpfühl: dann es scheinet / das Schlangenhaupt (davon zuvor gemeldet) ihm etwas zu hart gewesen; weil aber dieser Berg ein wenig zu hoch erhaben war / so verwandelte sich Vistnum in einen Vogel / flog rings um denselben herum / und erniederte ihn wie sichs gehörte.

Wahrhaftige Ausführliche Beschreibung Der Berühmten Ost-Indischen Kusten Malabar Und Coromandel, als auch der insel Zeylon ... Amsterdam: von Waesberge, von Someren 1672, S. 474 (II, 2).

Bernard Le Bovier de Fontenelle

Gespräche über die Vielzahl der Welten (1686)

[Zur Drehung der Erde um sich selbst:] Aber, erwiderte ich ihr, hätten Sie es lieber, daß die Sonne und alle übrigen Gestirne, die sehr ausgedehnte Körper sind, in vierundzwanzig Stunden um die Erde eine riesige Umdrehung machen und daß die Fixsterne, die den weitesten Kreis einnähmen, an einem Tag mehr als siebenundzwanzigtausendsechshundertsechzigmal zweihundert Millionen Meilen durchliefe? Denn dies alles muß eintreten, wenn die Erde sich nicht in vierundzwanzig Stunden um sich selbst dreht. Es ist wahrlich viel vernünftiger, daß sie diese Umdrehung ausführt, die sich im äußersten Fall nur auf neuntausend Meilen beläuft. Sie sehen klar, daß neuntausend Meilen im Vergleich zu der grauenerregenden Zahl, die ich Ihnen zuvor genannt habe, lediglich eine Kleinigkeit sind.

Oh, erwiderte die Marquise, die Sonne und die Gestirne sind ganz aus Feuer, es kostet sie keine Mühe, sich zu bewegen; die Erde indes scheint nicht eben leicht zu befördern.

Und würden Sie glauben, sagte ich hierauf, wenn es Sie nicht die Erfahrung gelehrt hätte, daß ein mit einhundertfünfzig Geschützen, mehr als dreitausend Mann und einer sehr erheblichen Warenmenge beladenes großes Schiff etwas recht leicht zu Beförderndes wäre? Trotzdem ist nur ein kleiner Windhauch nötig, um es auf dem Wasser fahren zu lassen; denn das Wasser ist ja eine Flüssigkeit, und da es sich leicht zerteilen läßt, bietet es wenig Widerstand gegen die Bewegung des Schiffes; oder wenn dieses sich inmitten eines Flusses befindet, wird es mühelos mit dem Strom schwimmen, weil nichts es festhält. So wird die Erde, obgleich sie derart schwergewichtig ist, leicht inmitten der Himmelsmaterie getragen, die unendlich schnellflüssiger als das Wasser ist und die jenen ganz großen Raum erfüllt, in dem die Planeten schwimmen. Und wo sollte die Erde sich denn festklammern, damit sie der Bewegung jener Himmelsmaterie widerstehen könnte und sich nicht von ihr mitreißen ließe? Das ist so, als könnte eine kleine Holzkugel der Strömung des Flusses standhalten.

Aber, brachte sie einen weiteren Einwand vor, wie kann sich denn die Erde mit ihrem ganzen Gewicht auf Ihrer Himmelsmaterie halten, die sehr leicht sein muß, da sie doch so schnellflüssig ist?

Das soll nicht etwa heißen, antwortete ich, daß ein Stoff wegen seiner flüssigen Beschaffenheit leichter sei. Was sagen Sie von unserem großen Schiff, das mit seinem ganzen Gewicht leichter als das Wasser ist, weil es auf ihm schwimmt?

Ich will Ihnen gar nichts mehr sagen, erklärte sie wie im Zorn, solange Sie das große Schiff haben. Doch können Sie mir zuverlässig versichern, daß es auf einem so leichten Kreisel, zu dem Sie ja die Erde für mich machen, nichts zu fürchten gibt?

Nun gut, antwortete ich ihr, lassen wir die Erde von vier Elefanten tragen, wie es die Inder machen.

Das ist nun ein ganz anderes System! rief sie aus. Diese Leute habe ich wenigstens gern, weil sie für ihre Sicherheit gesorgt und ein gutes Fundament geschaffen haben; wir Kopernikaner sind statt dessen reichlich unbesonnen, weil wir gern aufs Geratewohl in dieser Himmelsmaterie schwimmen möchten. Ich wette, wenn die Inder wüßten, daß die Erde auch nur im geringsten Gefahr liefe, sich zu bewegen, so würden sie die Zahl der Elefanten verdoppeln.

Das würde durchaus lohnen, sagte ich nun und lachte über ihren Einfall; man darf nicht bei den Elefanten sparen, damit man in Sicherheit schlafen kann; und wenn Sie für heute nacht welche brauchen, werden wir so viele in unserem System unterbringen, wie Sie wünschen; später werden wir sie, je mehr Sie sich beruhigen, nach und nach entfernen.

Fontenelle: Gespräche über die Vielzahl der Welten. In: Philosophische Neuigkeiten für Leute von Welt und für Gelehrte. Ausgewählte Schriften. Hrsg. v. Helga Bergmann, übers. v. Ulrich Kunzmann. Leipzig: Reclam 1989, S. 32-34

John Locke

Versuch über den menschlichen Verstand (1689)

[Buch II, 13. Kap.,] § 19. (Substanzen und Accidenzen haben in der Philosophie wenig Nutzen.) Als man zuerst auf den Begriff der Accidenzen, als einer Art Dinge, die des Anhängens bedürften, gerieth, musste man das Wort Substanz erfinden, um sie zu tragen. Hätte der arme indische Philosoph (der meinte, auch die Erde bedürfe Etwas, was sie trage) nur das Wort Substanz gekannt, so hätte er sich mit seinem Elephanten nicht zu bemühen brauchen, der sie tragen sollte, und nicht mit der Schildkröte, um den Elephanten zu tragen; das Wort: Substanz hätte dies allein geleistet. Und der indische Philosoph hätte auf die Frage, was Substanz sei, ganz gut, ohne zu wissen, was sie sei, antworten können, sie sei das, was die Erde trage, da man es ja für eine genügende Antwort und gute Lehre halte, wenn ein europäischer Philosoph ohne zu wissen, was die Substanz ist, sage, sie sei das, was die Accidenzen trage. Man hat daher von der Substanz keine Vorstellung, was sie ist, sondern nur eine verworrene und dunkle von dem, was sie thut.

[Buch II, 23. Kap.,] § 2. (Unsere Vorstellung der Substanz im Allgemeinen.) Prüft sich deshalb Jemand in Bezug auf seinen Begriff von Substanz im Allgemeinen, so zeigt sich, dass er dabei nur die Vorstellung von einem nicht näher bekannten Träger solcher Eigenschaften hat, die einfache Vorstellungen in uns erwecken können, und diese Eigenschäften werden gewöhnlich die Accidenzen genannt. Fragt man, was das ist, dem die Farben oder die Schwere anhängen, so können nur die ausgedehnten dichten Theile genannt werden, und fragt man, wem die Dichtheit und Ausdehnung anhängt, so ist der Antwortende in keiner bessern Lage, wie der früher erwähnte Indier, welcher auf seine Angabe, dass die Welt von einem grossen Elephanten getragen werde, gefragt wurde, auf was der Elephant sich stütze; er nannte darauf eine grosse Schildkröte, und auf die fernere Frage, was die breitrückige Schildkröte trage, erwiderte er, Etwas, aber er wisse nicht was. So spricht man hier wie in allen Fällen, wo man Worte ohne klare und deutliche Vorstellungen gebraucht, gleich Kindern, die auf die Frage, was das ist, was sie nicht kennen, sofort antworten: Etwas. Dies bedeutet bei Kindern wie bei Erwachsenen in solchem Falle, dass sie nicht wissen, was, und dass sie von dem Dinge, das sie kennen und besprechen wollen, überhaupt keine bestimmte Vorstellung haben, vielmehr es gar nicht kennen und im Dunkeln tappen.

Versuch über den menschlichen Verstand. In vier Büchern. Übersetzt und erläutert von J. H. von Kirchmann, Berlin: L. Heimann 1872 (Philosophische Bibliothek, Bd. 51)Online (Englisch).

Gottfried Wilhelm Leibniz

Neue Abhandlungen über den menschlichen Verstand (1704)

Jan Boeckhorst: Die Geometrie
Jan Boeckhorst (1604-1668): Die Geometrie. Quelle: Bildindex.

Philalethes. Es gibt keinen anderen Begriff von der bloßen Substanz im allgemeinen, als von einem gänzlich unbekannten Subjekt, von dem man voraussetzt, daß es der Träger der Eigenschaften sei. Wir drücken uns dabei wie Kinder aus, welche man nicht sobald gefragt hat, was eine gewisse, ihnen unbekannte Sache sei, als sie die ihrer Meinung nach sehr befriedigende Antwort geben, es sei etwas, was aber in dieser Weise angewendet, besagt, daß sie nicht wissen, was es sei.

Theophilus. Wenn man in der Substanz zweierlei unterscheidet, die Attribute oder Prädikate und das gemeinsame Subjekt dieser Prädikate, so ist kein Wunder, daß man bei diesem Subjekt sich nichts Besonderes denken kann. Es muß wohl so sein, weil man ja alle Attribute davon getrennt hat, durch die man etwas Besonderes dabei denken könnte. In diesem bloßen Subjekt überhaupt etwas mehr verlangen, als nötig ist, um zu denken, daß es dasselbige sei (d.h. welches vorstellt und will, Phantasie und Denkkraft ausübt) heißt Unmögliches verlangen und seiner eigenen Voraussetzung widersprechen, der gemäß man abstrahiert und das Subjekt von seinen eigenen Eigenschaften oder Akzidenzien gesondert aufgefaßt hat. Diese vorgebliche Schwierigkeit könnte man ebenso beim Begriff des Seins geltend machen und überhaupt bei allen ganz klaren ursprünglichen Begriffen, denn man könnte die Philosophen fragen, was sie sich denken, indem sie das bloße Ding überhaupt denken, da man auch davon, nachdem dadurch jede Besonderheit ausgeschlossen ist, ebensowenig zu sagen wissen wird als auf jene Frage, was die reine Substanz überhaupt sei. Ich glaube also, daß die Philosophen nicht verspottet zu werden verdienen, wie hiebei geschieht, indem man sie mit jenem indischen Weisen vergleicht, welcher auf die Frage, wodurch die Erde gehalten würde, antwortete, durch einem großen Elefanten, und dann auf die Frage, was den Elefanten halte, antwortete, es wäre eine große Schildkröte und endlich, als man ihn zu sagen drängte, worauf die Schildkröte sich stütze, zu erklären gezwungen war, es sei etwas, was er nicht wisse. Indessen ist diese Betrachtung von der Substanz, so unwichtig sie auch scheinen mag, nicht so leer und unfruchtbar, wie man denkt. Es gehen daraus für die Philosophie die bedeutendsten Folgerungen hervor, die ihr ein neues Aussehen zu geben fähig sind.

Neue Abhandlungen über den menschlichen Verstand. übers. v. C. Schaarschmidt. 2. Aufl. Leipzig: Dürr 1904 (Philosophische Bibliothek, Bd. 69), 2. Buch, Kap. XXIII, § 2.

Anthony Shaftesbury

Die Moralisten (1709)

Und in der That, fuhr ich fort, man sollte sichs nicht vorstellen, wie schön sich ein Märchen gebrauchen läßt, auch andre, als Kinder, abzuspeisen; und wie viel lieber die mehrsten Menschen sich mit dieser papiernen Münze, als mit vollwichtigen Vernunftgründen bezahlen lassen. Wir haben eben nicht Ursach, die Indianischen Philosophen so sehr auszulachen, wenn sie ihrem Volk, auf die Frage, worauf denn dies ungeheure Weltgebäude ruhe, antworten: auf einem Elephanten. — Und der Elephant? — Eine küzliche Frage! die man aber billig gar nicht beantworten sollte. Bloß hier sind unsre indianischen Philosophen zu tadeln. Sie sollten sich an dem Elephanten begnügen, und nicht weiter gehen. Aber sie haben noch eine Schildkröte im Vorrath, deren Rücken, denken sie, breit genug ist. Die Schildkröte also muß die neue Last tragen: und so steht denn die Sache auf schlechtern Füßen, als vorher.

Die Moralisten. In: Des Grafen von Shaftesbury Philosophische Werke. Leipzig: Weygand 1776-1779, Bd. II, S. 247 f.Online.

Francis Hutcheson

An Inquiry into the Original of our Ideas of Beauty and Virtue (1725)

THIS natural Determination to approve and admire, or hate and dislike Actions, is, no doubt, an occult Quality. But is it any way more mysterious, that the Idea of an Action should raise Esteem or Contempt, than that the Motion or tearing of Flesh should give Pleasure or Pain; or the Act of Volition should move Flesh and Bones? In the latter Case, we have got the Brain, and elastic Fibres, and animal Spirits, and elastic Fluids, like the Indians Elephant, Tortoise, to bear the Burden of the Difficulty: but go one Step farther, and you find the whole as difficult as at first, and equally a Myxtery with this Determination to love and approve, or condemn and despise Actions and Agents, without any Views of Interest, as they appear benevolent, or the contrary.

An Inquiry into the Original of our Ideas of Beauty and Virtue. 4th Ed. London: Midwinter 1738, p. 272-73.

Denis Diderot

Brief über die Blinden (1749)

Allegorischer Brunnen im Jardin du Luxembourg
Allegorie der Welt im Jardin du Luxembourg, Paris. Von oben nach unten: Himmelsglobus mit Ekliptik, vier Kontinente, Pferde des Poseidon, welttragende Schildkröten. Quelle: Eigene Aufnahme, Sommer 2005.

Als er [Nicolas Saunderson, 1682-1739, blinder Professor der Mathematik an der Universität Cambridge, verfaßte The elements of algebra] im Sterben lag, rief man zu ihm einen sehr gewandten Geistlichen, Herrn Gervasius Holmes. Sie führten ein Gespräch über die Existenz Gottes. Uns sind einige Bruchstücke davon erhalten, die ich Ihnen so gut wie möglich übersetzen will: denn das ist der Mühe wert. Der Geistliche hielt ihm zuerst die Wunder der Natur vor. Ach, Herr Pfarrer, antwortete ihm der blinde Philosoph, lassen Sie doch dieses ganze schöne Schauspiel sein, das nie für mich geschaffen wurde! Ich war dazu verurteilt, mein Leben in der Finsternis zu verbringen, und Sie führen Wunder an, die ich nicht verstehe und die nur beweiskräftig sind für Sie und die anderen, die sehen wie Sie. Wenn Sie wollen, daß ich an Gott glaube, müssen Sie ihn mich fühlen lassen.

Herr Saunderson, versetzte der Geistliche geschickt, legen Sie die Hände auf Ihren eigenen Körper, und Sie werden das Göttliche in dem wunderbaren Mechanismus Ihrer Organe finden.

Herr Holmes, entgegnete Saunderson, ich sage Ihnen noch einmal, das alles ist für mich nicht so schön wie für Sie. Aber wäre der tierische Mechanismus auch so vollkommen, wie Sie behaupten und wie ich gern glauben will, denn Sie sind ein ehrlicher Mensch, also gewiß nicht imstande, mir etwas vorzumachen — was, frage ich, hat dieser Mechanismus mit einem höchst intelligenten Wesen zu tun? Vielleicht sind Sie nur deshalb so erstaunt, weil Sie alles, was über Ihre Kräfte zu gehen scheint, als Wunder zu betrachten pflegen. [...] Wenn uns die Natur einen so schwer zu lösenden Knoten bietet, wollen wir ihn so lassen, wie er ist, und zum Zerschneiden dieses Knotens nicht die Hand eines Wesens benutzen, das dann für uns einen neuen Knoten bedeutet, der noch unlösbarer als der erste ist. Fragen Sie einen Inder, warum die Welt in der Luft schwebt, so antwortet er ihnen, sie ruhe auf dem Rücken eines Elefanten. Und worauf stützt sich der Elefant? Auf eine Schildkröte! Und die Schildkröte — wer trägt die? Dieser Inder tut Ihnen leid, doch könnte man Ihnen ebenso wie ihm sagen: Herr Holmes, lieber Freund, gestehen Sie zunächst Ihre Unwissenheit und verschonen Sie mich mit dem Elefanten und der Schildkröte.

Brief über die Blinden. Zum Gebrauch für die Sehenden. Mit einem Nachtrag. In: Denis Diderot: Philosophische Schriften. Hrsg. u. übers. v. Theodor Lücke, Bd. 1. Berlin: Aufbau 1961, S. 78 f. Französisches Original online.

Gotthold Ephraim Lessing

An den Herrn Marpurg (1749)

[...]
Der Schwätzer hat den Ruhm: dem Meister bleibt die Müh.
Das ist der Regeln Schuld, und darum tadl' ich sie.
Doch meinet man vielleicht, daß sie dem Meister nützen?
Man irrt; das hieß die Welt mit Elefanten stützen.
[...]

Werke. Hrsg. v. Herbert G. Göpfert u. a. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft 1996, Bd. II, S. 167

David Hume

Dialoge über natürliche Religion (1751)

Wie sollen wir daher mit Bezug auf die Ursache des Wesens, das nach Eurer Annahme Urheber der Natur ist, oder, nach Eurem System des Anthropomorphismus, mit Bezug auf die Welt der Vorstellung, auf welche ihr diese materielle zurückführt, uns genügen? Haben wir nicht denselben Grund, diese Welt der Vorstellung auf eine andere Welt der Vorstellung, auf ein neues denkendes Prinzip zurückzuführen? Oder wenn wir hier einhalten und nicht weiter gehen, warum so weit gehen? Warum nicht bei der materiellen Welt stehen bleiben? Wie können wir uns selbst genügen, ohne in infinitum fortzugehen? Und dann, welches Genüge ist in diesem unendlichen Fortgang? Erinnern wir uns der Geschichte des indischen Philosophen und seines Elefanten. Sie ist nirgend mehr anwendbar, als auf den vorliegenden Fall. Wenn die materielle Welt auf einer ähnlichen Welt der Vorstellung beruht, so muß diese Welt der Vorstellung wieder auf einer andern beruhen, und so ohne Ende. Es wäre deshalb besser, über diese materielle Welt überhaupt nicht hinauszusehen. Nehmen wir an, sie enthält das Prinzip ihrer Ordnung in sich selbst, so behaupten wir in Wirklichkeit, sie sei Gott; und je eher wir zu diesem göttlichen Wesen kommen, desto besser. Wenn Ihr einen Schritt über das Weltsystem hinausgeht, so erregt Ihr bloß einen Trieb zur Nachforschung, dem zu genügen stets unmöglich ist.

Dialoge über natürliche Religion. Über Selbstmord und Unsterblichkeit der Seele. Ins Deutsche übersetzt und mit einer Einleitung versehen von Friedrich Paulsen. 3. Aufl. Leipzig: Felix Meiner 1905, S. 68 f.

Moses Mendelssohn

Betrachtungen über die Quellen und die Verbindungen der schönen Künste und Wissenschaften (1757)

Man gebe also bis dahin zu, daß die Nachahmung der Natur die einzige Ursache sey, warum uns die schönen Künste gefallen. Wird man aber dadurch unsere Unwissenheit mehr als um einen Schritt weiter hinausgesetzt haben? Wie wenn Batteux gefragt würde, was für Mittel hat die Natur gebraucht, uns zu gefallen? Und warum gefällt uns die Nachahmung? Würde er nicht eben so verlegen seyn, als jener indianische Weltweise bey der bekannten Frage: Und worauf ruhet die große Schildkröte?

Betrachtungen über die Quellen und die Verbindungen der schönen Künste und Wissenschaften. In: Gesammelte Schriften. Jubiläumsausgabe. Berlin, Stuttgart: Akademie-Verlag, Fromman 1929 ff., Bd. 1, S. 169. Zuerst in: Bibliothek der schönen Wissenschaften und der freyen Künste 1757, 1. Bd.,2. St., S. 231-268, hier S. 234 f.Online.

Moses Mendelssohn

Jerusalem oder über religiöse Macht und Judenthum (1783)

Bey Beurtheilung der Religionsbegriffe einer sonst noch unbekannten Nation, muß man sich aus eben der Ursache hüten, nicht alles mit einen heimischen Augen zu sehen, um nicht Götzendienst zu nennen, was im Grund vielleicht nur Schrift ist. [...] Die Eroberer Jerusalems fanden bey der Plünderung des Tempels die Cherubim auf der Lade des Bundes, und hielten sie für die Götzenbilder der Juden. Sie sahen alles mit barbarischen Augen, und aus ihrem Gesichtspunkte. Ein Bild der göttlichen Vorsehung und obwaltenden Gnade nahmen sie, ihrer Sitte nach, für Bild der Gottheit, für Gottheit selber, und freueten sich ihrer Entdeckung. So lachen die Leser noch itzt über die indianischen Weltweisen, die dieses Weltall von Elephanten tragen lassen; den Elephanten auf eine große Schildkröte stellen, diese von einem ungeheuren Bären halten, und den Bär auf einer unermeßlichen Schlange ruhen lassen. Die guten Leute haben wohl an die Frage nich[t] gedacht; worauf ruhet denn die unermeßliche Schlange?

Nun leset in der Schasta der Gentoos selbst die Stelle, in welcher ein Sinnbild dieser Art beschrieben wird, das wahrscheinlicher Weise zu dieser Sage Gelegenheit gegeben hat. Ich entlehne sie aus dem zweiten Theil der Nachrichten von Bengalen und dem Kaisertum Indostan von J. Z. Hollwell, der sich in den heiligen Büchern der Gentoos hat unterrichten lassen, und im Stande war, mit Augen eines eingebornen Braminen zu sehen. So lauten die Worte im achten Abschnitte:

Modu und Kytu (zwei Ungeheuer, Zwietracht und Aufruhr,) waren überwunden, und nun trat der Ewige aus der Unsichtbarkeit hervor, und Glorie umgab ihn von allen Seiten.
Der Ewige sprach: du Birma, (Schöpfungskraft)! erschaffe und bilde alle Dinge der neuen Schöpfung mit dem Geiste, den ich dir einhauche. — Und du, Bistnu, (Erhaltungskraft)! beschütze und erhalte die erschaffenen Dinge und Formen; nach meiner Vorschrift. — Und du, Sieb, (Zerstörung, Umbildung)! verwandele die Dinge der neuen Schöpfung, und bilde sie um, mit der Kraft, die ich dir verleihen werde.
Birma, Bistnu und Sieb vernahmen die Worte des Ewigen, bückten sich und bezeigten Gehorsam.
Alsofort schwamm Birma auf die Oberfläche des Johala (Meerestiefe,) und die Kinder Modu und Kytu flohen und verschwanden, als er erschien.
Als durch den Geist des Birma die Bewegungen der Tiefen sich legten, verwandelte sich Bistnu in einen mächtigen Bär (Zeichen der Stärke bey den Gentoos, weil er in Verhältnis seiner Größe das stärkste Thier ist), stieg hinab in die Tiefen des Johala, und zog mit seinen Hauhern Murto (die Erde) ans Licht. — Sodann entsprangen aus ihm freywillig eine mächtige Schildkröte (Zeichen der Beständigkeit bey den Gentoos) und eine mächtige Schlange (derselben Zeichen der Weisheit) und Bistnu richtete die Erde auf dem Rükken der Schildkröte auf, und setzte Murto auf das Haupt der Schlange u. s. w.

Alles dieses findet man bey ihnen auch in Bildern vorgestellt, und man siehet, wie leicht solche Sinnbilder und Bilderschrift zu Irrthümern verleiten können.

Jerusalem oder über religiöse Macht und Judenthum. In: Moses Mendelssohn's Sämmtliche Werke. Ofen: Burian 1819-1825, Bd. 5, S. 155-158.

Jean-Jacques Rousseau

Die neue Heloise (1761)

Leben Sie wohl, mein theurer und werther Freund. Wenn ich glaubete, daß das Glück Sie glückselig machen könnte: so würde ich zu Ihnen sagen: Laufen Sie nach dem Glücke. Vielleicht aber haben Sie Ursache, es mit so vielen Schätzen zu verachten, damit Sie dessen entrathen können. Ich will Ihnen lieber sagen: Laufen Sie nach der Glückseligkeit; die ist das Glück des Weisen. Wir haben stets empfunden, daß es keine ohne die Tugend gebe. Nehmen Sie sich aber in Acht, daß dieses Wort Tugend keinen gar zu abgesonderten Begriff und nicht mehr Glanz, als Gründlichkeit habe, auch kein Namen zur Parade sey, der mehr die andern zu verblenden, als uns selbst zu vergnügen dienet. Ich zittere, wenn ich daran denke, daß Leute, welche den Ehebruch in dem Grunde ihres Herzen trugen, von Tugend reden durften! Wissen Sie wohl, was ein so ehrwürdiges und so entweihtes Wort für uns hieß, so lange wir in einem sträflichen Umgang lebeten? Es war die sinnlose Liebe, wovon wir beyde entbrannt waren, welche ihre Hinreißungen unter diese heilige Begeisterung verhüllete, um uns solche noch angenehmer zu machen, und uns länger zu verführen. Wir waren gemacht, ich unterstehe mich, es zu glauben, der wahren Tugend zu folgen und sie zu lieben: wir betrogen uns aber, indem wir sie sucheten, und folgeten nur einem eiteln Hirngespinste. Es ist Zeit, daß die Verblendung aufhöret; es ist Zeit, daß man von einer gar langen Verirrung zurückkommt. Mein Freund, diese Rückkehr wird Ihnen nicht schwer werden. Sie haben Ihren Wegweiser in sich selbst; Sie haben ihn nicht achten können, Sie haben ihn aber niemals zurück gewiesen. Ihre Seele ist gesund; sie hängt sich an alles, was gut ist, und wenn es ihr zuweilen entgeht, so geschieht es, weil sie sich nicht aller ihrer Stärke bedienet hat, um sich daran zu halten. Gehen Sie wieder in sich, und suchen Sie, ob Sie nicht in Ihrem Gewissen einigen vergessenen Grundsatz wieder finden möchten, welcher dienen würde; alle Ihre Handlungen besser einzurichten, sie gründlicher unter einander und mit einem gemeinschaftlichen Gegenstande zu verbinden. Glauben Sie mir, es ist nicht genug, daß die Tugend der Grund ihrer Aufführung sey, wenn Sie nicht diesen Grund selbst auf einen unbeweglichen Grund setzen. Erinnern Sie sich derjenigen Indianer, welche die Welt auf einem großen Elephanten, und den Elephanten wieder auf einer Schildkröte ruhen lassen; und wenn man sie fraget, worauf denn die Schildkröte ruhet, nichts weiter zu sagen wissen.

Die neue Heloise oder Briefe zweyer Liebenden, aus einer kleinen Stadt am Fuße der Alpen. Leipzig: Weidmann 1761. Bd. 3, Brief XX, S. 169-171.

Johann Joachim Winckelmann

Versuch einer Allegorie, besonders für die Kunst (1766)

Obelisk, Villa Medici, Rom
Obelisk im Garten der Villa Medici, Rom.
Quelle: Wikimedia Commons.

Die Festigkeit wurde durch Knöcheln angedeutet, das ist, durch denjenigen Knochen, wodurch der Fuß mit dem Beine verbunden ist, welcher Malleolus oder Talus [...] heißt. [...] Auf dergleichen vier Stücken von Ertzt stand und stehet noch jetzo der Obeliscus des Neocorus auf dem Platze der St. Peters-Kirche; es sind diese Astragali aber durch vier Löwen von Ertzte bedecket, oder vielmehr bekleidet, weil man in diesen Thieren das Wapen Pabsts Sixtus V. anbringen wollte. Es haben also diese Löwen einige Bedeutung, die man in den Schildkröten von Ertzte, auf welchen ein kleiner Obeliscus in der Villa Medicis stehet, nicht finden kann. Vielleicht hat derjenige, welcher dieselben angegeben hat, Nachricht gehabt von der grossen Schildkröte der Indianer, die dem Elephanten zur Base dienet, auf dessen Rücken die Erdkugel ruhet.

Johann Joachim Winckelmann: Versuch einer Allegorie, besonders für die Kunst. Dresden: Waltherische Hof-Buchhandlung 1766, S. 62.

Johann Gottfried Herder

Fragmente zu einer Archäologie des Morgenlandes (1769)

Der sinnliche Begriff davon [vom Anfang der Welt, metaphysisch-naturwissenschaftlich erklärt] ist eine Trugvorstellung, so fertig auch eure Kinder und Säuglinge ausrufen mögen aus Nichts hat Gott die Welt gemacht! Verzeihets dem Morgenländer [die die biblische Schöpfungsgeschichte schrieben], daß er von dieser stolzdürftigen Scheinpracht nichts wuste, und seine Schöpfung von einer Erdwüste mit Meer und Nacht bedeckt anfing! Es war freilich diese ewige Erde jener Indianischen Schildkröte gleich, auf der der Erdträger, der Elephant ruhete: aber wie? wenn kein sinnlicher Indianer je es sich in den Sinn nahm, zu fragen, worauf denn die Schildkröte ruhete? und kein sinnlicher Morgenländer es sich in den Sinn nahm, zu fragen: was denn vor dieser Erdwüste vorherging? Eine Erdwüste: weiter sahe er nicht, denn ewige Nacht lag auf ihr.

Fragmente zu einer Archäologie des Morgenlandes. In: Herders sämmtliche Werke. Hrsg. v. Bernhard Suphan. Berlin: Weidmann 1877-1913, Bd. VI, S. 47.

Johann Gottfried Herder

Aelteste Urkunde des Menschengeschlechts (1774)

Im Anfange schuf Gott! aber auch alle Mystische Deuteleien in die Worte hineingelegt, die man will — hast du nun mehr Metaphysik über die Begriffe Anfang! schuf! Zeit! Ewigkeit! Unding! Werde! als wenn du sie nicht gehöret hättest? Wer sieht nicht offenbar, daß eben mit ihnen der dunkelste Vorhang niederfalle! Am Anfange schuf Gott! Siehe alles was dir auf deine Fragen wie ward Anfang? wie begreif ichs, daß er schuf! zu Theil wird. Was ist die Welt? was war sie in ihrem Angebinn? wie ward sie? Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde! für Welt selbst kein Wort? Die Erde war wüste und leer! Für Metaphysisches Ding und Unding selbst kein Wort! Kein Begrif! (ich zweifle, ob ihn jemand habe?) Gott schuf und die Erde war! Worauf? worauf steht die große Schildkröte? Moses kehrt alle dem den Rücken zu, läßt dich mit offnem Munde, und noch thust du ihm die Ehre an, all deine Metaphysik seiner schlichten, planen Urkunde anzuhängen! Lieber ein Aristoteles ewiger Erde und du thust ihm wahrhaftig nicht mehr Unrecht!

Aelteste Urkunde des Menschengeschlechts. Erster Band. In: Herders sämmtliche Werke. Hrsg. v. Bernhard Suphan. Berlin: Weidmann 1877-1913, Bd. VI, S. 206.

Christoph Martin Wieland

Der goldne Spiegel (1772)

Es bedarf vielleicht vieler Jahrhunderte, bis so ein Gebäude, wie Tifan errichtet hatte, vor Alter und Baufälligkeit zusammen sinkt. Gleichwohl hätte dieser Augenblick endlich kommen müssen; denn daß eine unzerstörbare Staatsverfassung unter die unmöglichen Dinge gehöre, ist noch von niemand geleugnet worden.

So hätte ich große Lust der erste zu sein, sagte Gebal lachend. Warum wär es denn so unmöglich, ein Staatsgebäude aufzuführen, das wenigstens eben so dauerhaft wäre als die Pyramiden in Ägypten, die schon einige tausend Jahre stehen, und wahrscheinlich so lange stehen werden, als der Elefant, der die Erde trägt, auf der großen Schildkröte, und die Schildkröte auf der zusammen geringelten Schlange?

O gewiß, sagte Danischmend: man brauchte zur Aufführung eines solches Staats nur die Pyramiden zum Muster zu nehmen. Auch ist dies, dünkt mich, bei unsern östlichen Staatsverfassungen bereits geschehen; und es erklärt sich daraus, warum, zum Beispiele, das sinesische Reich, wiewohl es schon so oft durch Eroberung unter fremde Oberherren gekommen ist, dennoch seine innere Verfassung bei jeder Revolution unverändert erhalten hat. Ich hätte mich also genauer ausdrücken, und sagen sollen, daß meine Behauptung nur von Staaten gelte, deren Bürger (wie die Scheschianer unter Tifan) freie Menschen sind. Ich zweifle sehr, ob für solche jemals eine bessere Konstitution als die Tifanische diesseits des Mondes gesehen worden ist; und doch ist leicht zu zeigen, daß gerade in dem was ihre Vortrefflichkeit ausmachte, die Ursache ihres Untergangs lag.

Der goldne Spiegel. In: Der goldne Spiegel und andere politische Dichtungen. München: Winkler 1979, S. 314Online.

Johann Wolfgang Goethe

Brief an Charlotte von Stein (1782)

Er [Lavater] kommt mir vor wie ein Mensch der mir weitläufig erklärte die Erde sei keine akkurate Kugel, vielmehr an beyden Polen eingedruckt, bewiese das aufs bündigste, und überzeugte mich daß er die neusten ausführlichsten richtigsten Begriffe von Astronomie und Weltbau habe; was würden wir nun sagen wenn solch ein Mann endigte: schlieslich muß ich noch der Haupt Sache erwähnen, nämlich daß diese Welt deren Gestalt wir aufs genauste dargethan, auf dem Rücken einer Schildkröte ruht sonst sie in Abgrund versincken würde.

Brief an Charlotte von Stein, 6. April 1782. Sämtliche Werke. Briefe, Tagebücher und Gespräche. Hrsg. v. H. Birus u. a. Frankfurt a. M.: Deutscher Klassiker Verlag 1985 ff. Abtlg. II, Bd. 2, S. 411.

Johann Wolfgang Goethe

Zahme Xenien (1820)

Und so will ich, ein für allemal,
Keine Bestien in dem Götter-Saal!
Die leidigen Elefanten-Rüssel,
Das umgeschlungene Schlangen-Genüssel,
Tief Urschildkröt' im Welten-Sumpf,
Viel Königsköpf' auf einem Rumpf,
Die müssen uns zur Verzweiflung bringen,
Wird sie nicht reiner Ost verschlingen:

Der Ost hat sie schon längst verschlungen:
Kalidas und andere sind durchgedrungen;
Sie haben mit Dichter-Zierlichkeit
Von Pfaffen und Fratzen uns befreit.
In Indien möcht' ich selber leben,
Hätt' es nur keine Steinhauer gegeben.
Was will man denn vergnüglicher wissen!
Sakontala, Nala, die muß man küssen,
Und Mega-Duhta, den Wolkengesandten,
Wer schickt ihn nicht gerne zu Seelenverwandten!

Zahme Xenien II. Sämtliche Werke. Briefe, Tagebücher und Gespräche. Hrsg. v. H. Birus u. a. Frankfurt a. M.: Deutscher Klassiker Verlag 1985 ff. Abtlg. I, Bd. 2., S. 632 f.

Johann Wolfgang Goethe

Faust II. Klassische Walpurgisnacht — Felsbuchten des ägäischen Meers (1830)

NEREIDEN und TRITONEN
Was wir auf Händen tragen
Soll allen euch behagen.
Chelonen's Riesen-Schilde
Entglänzt ein streng Gebilde,
Sind Götter die wir bringen;
Müßt hohe Lieder singen.

Sämtliche Werke. Briefe, Tagebücher und Gespräche. Hrsg. v. H. Birus u. a. Frankfurt a. M.: Deutscher Klassiker Verlag 1985 ff. Abtlg. I, Bd. 7/1., S. 323 (V. 8168-8173).

(Dazu:) Thomas Zabka

Faust II — Das Klassische und das Romantische (1993)

Kerényi weist darauf hin, daß es sich bei der Schildkröte Chelone um ein mythologische[s] Urtier handelt, das bei den Indern [...] die Welt selber trug. Katharina Mommsen widerspricht dieser Rückführung der Chelone auf die vorgriechische Mythologie mit dem Argument, die Übernahme indische[r] Religionsvorstellungen, gegen die der Dichter so scharf polemisiert, sei mit Goethes Denkweise unvereinbar. Mommsen verweist auf Goethes abfällige Äußerungen gegen Bestien in dem Götter-Saal wie Tief Ur-Schiltkröt im Welten-Sumpf. Goethes Polemik in den Zahmen Xenien richtet sich aber nicht gegen die indische Mythologie selbst, sondern gegen die romantisch-mythengeschichtliche Rückführung des hellenischen Göttersaals auf die indischen Bestien. Im Faust II sind die Kabiren ein Mittelglied zwischen der Urschildkröte Chelone, der sie entragen, und dem Olymp (8197), in den sie hinaufreichen. Goethes Xenie, die Katharina Mommsen als Beleg gegen die indische Herkunft der Schildkröte anführt, erweist sich als bester Beleg für eben diese Herkunft. Chelone bezeichnet den indischen Grund, aus dem nach Creuzer die Kabiren stammen. Creuzer deutet diese Götter im Sinne des ursprünglich indischen und von dort über Ägypten nach Griechenland gekommenen Emanationssystems, da nämlich die erste Gottheit der Kabiren als Einheit und Quelle der Götter und Welt obenan steht.3a

Faust II — Das Klassische und das Romantische. Goethes Eingriff in die neueste Literatur. Tübingen: Niemeyer 1993, S. 185 f. (Nachweise ausgelassen).

Johann Christoph Adelung

Ueber den Deutschen Styl (1787)

Eigenschaften derselben [Allusion oder Anspielung]
§ 65. Es verstehet sich ohnehin, daß der einzele Fall, worauf man anspielet, so bekannt seyn muß, daß diejenigen, für welche man schreibt, ihn nicht leicht verkennen können; denn ist er das nicht, so verliehrt die Allusion alle Wirkung und wird ein Räthsel. Wenn einer unser neuern Schriftsteller sagt: Gott schuf, und die Erde war! Worauf, worauf stehet die große Schildkröte? so setzt er voraus, daß alle seine Leser mit der Indischen Kosmogonie vertraut sind, welches denn wohl ein wenig viel voraus gesetzt ist. Und dann fehlt es dieser Anspielung auch an dem gehörigen Interesse; denn die abenteuerliche Dichtung der morgenländischen Rohheit des Verstandes kann für eine aufgeklärte Europäische Einbildungskraft wenig Reitz haben.

Ueber den Deutschen Styl. Neue, verm. u. verb. Aufl. Berlin: Voß 1787, Bd. 1. Berlin: Voß 1787, S. 363 f.

Constantin François Chasseboeuf Volney

Die Ruinen. 21. Kapitel. Problem der Religionswidersprüche (1791)

[Die Vertreter verschiedener Religionen tragen ihre Wahrheitsansprüche vor. Nach den strittigen Vorträgen der moslemischen, christlichen und jüdischen Gottesgelehrten erhebt sich auch gegen den Vortrag der Parsen Widerspruch.]
Von der andern Seite entstand ein großes Murren unter den Fahnen der Indischen Sekten; die Braminen protestierten gegen die Ansprüche der Juden und Parsen und sagten: wer sind denn diese neuen und beinahe unbekannten Völker, die sich so eigenmächtig zu Urhebern der Nationen und Aufbewahrern ihrer Archive aufwerfen? Wnn man ihre Berechnungen von fünf bis sechs tausend Jahren anhört, sollte man glauben, daß die Welt erst von gestern her wäre. Und vermöge welches Rechts sollten ihre Bücher den unsrigen vorgezogen werden? Stehn die Vedams, die Chastres, die Pourans den Bibeln, dem Zend-avesta, den Sad-der nach? Ist das Zeugnis unsrer Väter und Götter nicht so viel werth, als das Zeugnis der occidentalischen Götter und Väter? Ach wenn es uns erlaubt wäre, ungeweihten Menschen diese Mysterien zu enthüllen, wenn nicht ein geheiligter Schleier unsre Lehre vor allen Blicken verbergen müßte!
Die Braminen schwiegen bei diesen Worten. Wie können wir eure Lehre zulassen, sagten die Gesetzgeber zu ihnen, wenn ihr sie nicht dartut? Und wie konnten ihre ersten Urheber sie verbreiten, als sie noch allein sie besaßen? denn damals müßte ja ihr eigenes Volk ihnen ungeweiht sein. Hat der Himmel sie ihnen offenbart, um sie zu verschweigen?
Allein die Braminen bestanden darauf, sich nicht zu erklären. Wir können ihnen die Ehre des Geheimnisses lassen, sagte ein Europäer. Ihre Lehre ist längst aufgedeckt, wir besitzen ihre Bücher, und ich kann euch den Inhalt derselben wiederholen.
Er setzte wirklich die vier Vedams, die achtzehn Pouranams und die fünf oder sechs Chastrans aus einanader; er erläuterte, wie ein unkörperliches, unendliches, ewiges Wesen, nachdem es eine Zeit ohne Grenzen mit Beschauung seiner selbst hingebracht hatte, endlich, um sich zu offenbaren, die männlichen und weiblichen Kräfte, die ihn ihm waren, trennte, und eine Handlung der Zeugung vollbrachte, wovon der Lingam das Sinnbild geblieben ist; wie aus dieser ersten Handlung drei göttliche Mächte, Brama, Bichen oder Vichenou, und Chib oder Chiven entstanden, wovon der erste zu schaffen, der zweite zu erhalten, der dritte zu zerstören, oder die Formen des Weltalls zu verändern bestimmt war. Er erzählte die Geschichte ihrer Thaten und Abenteuer, und erläuterte, wie Brama, stolz, die Welt und die acht Bobouns (oder Sphären) der Prüfungen geschaffen zu haben, sich über seinen Bruder Chib erhob, und wie diese Regung des Stolzes einen Kampf unter ihnen verursachte, der die Globen oder Himmelskreise, wie einen Korb mit Eiern zerbrach; wie Brama, in diesem Kampfe überwunden, so weit sank, daß er dem in Lingam verwandelten Chib zum Fußgestell dienen mußte; wie Vichenou, der Gott Mittler, zu verschiedenen Zeiten, neun thierische und sterbliche Gestalten annahm, um die Welt zu erhalten, wie er zuerst, unter der Gestalt eines Fisches, eine Familie, welche die Erde wieder bevölkerte, aus einer allgemeinen Sündfluth rettete; wie er nachher in der Gestalt einer Schildkröte den Berg Mandreguiri (den Pol) aus dem Meere von Milch zog, und nachher, unter der Gestalt eines Ebers, den Bauch des Riesen Erenniachessen aufriß, der die Erde in den Abgrund Djole versenkte, wo er unter der Gestalt des schwarzen Schäfers, und unter dem Namen Chris-sen, zu Fleisch geworden, die Welt von der giftigen Schlange Calengam befreite und, nachdem er von ihr in den Fuß gestochen worden, ihr den Kopf zertrat.

Die Ruinen. Aus dem Französischen des Herrn von Vollney [!] mit einer Vorrede von Georg Forster. 6. verb. Aufl. Braunschweig: Vieweg 1822 (zuerst 1792), S. 132-134.

Mary Wollstonecraft

A Vindication of the Rights of Woman (1792)

I do not mean to allude to all the writers who have written on the subject of female manners — it would, in fact, be only beating over the old ground, for they have, in general, written in the same strain; but attacking the boasted prerogative of man — the prerogative that may emphatically be called the iron sceptre of tyranny, the original sin of tyrants, I declare against all power built on prejudices, however hoary.

If the submission demanded be founded on justice — there is no appealing to a higher power — for God is justice itself. Let us then, as children of the same parent, if not bastardised by being the younger born, reason together, and learn to submit to the authority of Reason — when her voice is distinctly heard. But, if it proved, that this throne of prerogative only rests on a chaotic mass of prejudices, that have no inherent principle of order to keep them together, or on an elephant, tortoise, or even the mighty shoulders of a son of the earth, they may escape, who dare to brave the consequence, without any breach of duty, without sinning against the order of things.

Whilst reason raises man above the brutal herd, and death is big with promises, they alone are subject to blind authority who have no reliance on their own strength. They are free — who will be free!

A Vindication of the Rights of Woman, Chapter V, Section IVOnline.

Salomon Maimon

Versuch einer neuen Logik oder Theorie des Denkens (1794)

Die Allgemeinheit des Begriffs von Vorstellung (daß eine jede Modifikation des Bewußtseyns, als Vorstellung auf etwas bezogen wird)[,] hebt diesen [Reinholdischen] Begriff [der Vorstellung] gänzlich auf. Es hat damit ungefähr die Bewandniß als mit der Frage des Indianers, der, indem man ihm sagte: die Welt steht auf ein Paar Elephanten, und die Elephanten auf einer goßen Schildkröte, in seiner Unschuld fragte: und worauf endlich die Schildkröte?

Versuch einer neuen Logik oder Theorie des Denkens. Nebst angehängten Briefen des Philaletes an Aenesidemus. Berlin: Felisch 1794, S. 320 f.

Johann Gottlieb Fichte

Ueber den Begriff der Wissenschaftslehre (1794)

Es ist leicht zu bemerken, dass bei Voraussetzung der Möglichkeit einer solchen Wissenschaftslehre überhaupt, so wie insbesondere der Möglichkeit ihres Grundsatzes, immer vorausgesetzt werde, dass im menschlichen Wissen wirklich ein System sey. Soll ein solches System darin seyn, so lässt sich auch, unabhängig von unserer Beschreibung der Wissenschaftslehre, erweisen, dass es einen solchen absolut-ersten Grundsatz geben müsse.

Soll es kein solches System geben, so lassen sich nur zwei Fälle denken. Entweder, es giebt überhaupt nichts unmittelbar Gewisses; unser Wissen bildet mehrere oder Eine unendliche Reihe, in der jeder Satz durch einen höheren, und dieser wieder durch einen höheren u.s.f. begründet wird. Wir bauen unsere Wohnhäuser auf den Erdboden, dieser ruht auf einem Elephanten, dieser auf einer Schildkröte, diese — wer weiss es auf was, und so ins unendliche fort. — Wenn es mit unserem Wissen einmal so beschaffen ist, so können wir es freilich nicht ändern, aber wir haben dann auch kein festes Wissen: wir sind vielleicht bis auf ein gewisses Glied in der Reihe zurückgegangen, und bis auf dieses haben wir alles fest gefunden; aber wer kann uns dafür einstehen, dass wir nicht, wenn wir etwa noch tiefer gehen sollten, den Ungrund desselben finden, und es werden aufgeben müssen? Unsere Gewissheit ist erbeten, und wir können ihrer nie auf den folgenden Tag sicher seyn.

Oder — der zweite Fall — unser Wissen besteht aus endlichen Reihen, aber aus mehreren, jede Reihe schliesst sich in einem Grundsatze, der durch keinen anderen, sondern bloss durch sich selbst begründet wird; aber es giebt solcher Grundsätze mehrere, welche, da sie sich alle durch sich selbst, und schlechthin unabhängig von allen übrigen begründen, keinen Zusammenhang unter sich haben, sondern völlig isolirt sind.

Ueber den Begriff der Wissenschaftslehre. Sämmtliche Werke, hrsg. v. I. H. Fichte. Berlin: de Gruyter 1971, Bd. I, S. 52 f. — Fichte schließt hier wahrscheinlich an Maimon an. Vgl. dazu Friedrich Kuntze: Die Philosophie Salomon Maimons. Heidelberg: Winter 1912, S. 352, Anm. 1.

[Zu Fichte:] Franz Paul von Herbert und Friedrich Immanuel Niethammer

Herbert an Niethammer (1794)

Fichte hat zu dieser meiner fatallen Stimmung einen grossen Theill beygetragen, wieder ein Autor bis auf die Spiz Nägl. [...] Von nun an erkläre ich mich zum unversöhnlichsten Feinde, aller sogenannten ersten Grundseze der Philosophie, und den jenigen, der einen braucht zu einem Naaren, der wen ihn der Paroxismus ergreift aus seinem Grundsaz deducirt und syllogicirt [...]. Wie viell geht für die Phillosophie verloren durch einen thumen Neid um Kantens Rum, was ist Kantens erster Grundsaz, Kritick der Vernunft[;] habt ihr daraus nicht genug, so ist euch nicht zu helfen [...].

Herbert an Niethammer, 6. Mai 1794, zit. n. Manfred Frank: "Der schwere Schritt in die Wirklichkeit". Über das Werden eines frühromantischen Realismus. In: Athenäum. Jahrbuch der Friedrich Schlegel-Gesellschaft 17 (2007), S. 13-31, hier S. 21.

Niethammer an Herbert (1794)

Die Erde trägt ein Elefant, und der Elefant steht auf einer Schildkröte, ohne uns weiter zu sagen, worauf die Schildkröte liege; und wir müssen uns entweder ebenfalls mit einer solchen unbefriedigenden Antwort befriedigen, oder wir müssen weiterfragen, und auf diesem Wege ist das Fragen und das Antworten und also die Erde selbst bodenlos; oder wir müssen dahin kommen, einzusehen, dass die Erde weder eines Elefanten noch einer Schildkröte bedürfe, um nicht zu fallen [...].

Niethammer an Herbert, 2. Juni 1794, zit. n. János Weiss: Was heißt Reformation der Philosophie? Tübinger Vorlesungen über Reinhold und die Reinhold-Schule. Frankfurt a. M.: Lang 2009, S. 103. Vgl. auch Manfred Frank (wie oben), S. 21.

Johann Gottlieb Fichte

Zweite Einleitung in die Wissenschaftslehre (1797)

Kant redet doch von einem Dinge an sich? Was ist ihm denn dieses Ding? Ein Noumen, wie wir in mehreren Stellen seiner Schriften lesen können. Dasselbe, nemlich blosses Noumen, ist es auch bei Reinhold und Schulz. Was aber ist denn ein Noumen? Nach Kant, nach Reinhold, nach Schulz, etwas, das von uns, nach nachzuweisenden, und von Kant nachgewiesenen Gesetzen des Denkens, zu der Erscheinung nur hinzu gedacht wird, und nach diesen Gesetzen hinzu gedacht werden muss; das sonach nur durch unser Denken entsteht; jedoch nicht durch unser freies, sondern durch ein unter Voraussetzung der Ichheit nothwendiges Denken — und sonach nur für unser Denken, für uns denkende Wesen, da ist. Und dieses Noumen oder Ding an sich, wozu wollen jene Ausleger es noch weiter brauchen? Dieser Gedanke eines Dinges an sich ist durch die Empfindung begründet, und die Empfindung wollen sie wieder durch den Gedanken eines Dinges an sich begründen lassen. Ihr Erdball ruht auf dem grossen Elephanten, und der grosse Elephant - ruht auf dem Erdballe. Ihr Ding an sich, das ein blosser Gedanke ist, soll auf das Ich einwirken! Haben sie ihre erste Rede wieder vergessen; und ist ihr Ding an sich, das noch soeben ein blosser Gedanke war, jetzt etwas anderes, als ein blosser Gedanke?

Zweite Einleitung in die Wissenschaftslehre. Sämmtliche Werke, hrsg. v. I. H. Fichte. Berlin: de Gruyter 1971, Bd. I, S. 482 f.

Johann Gottlieb Fichte

Die Bestimmung des Menschen (1800)

Ich. Behandle mich nicht wie ein Kind, und muthe mir nicht greifliche Absurditäten an. Ich gelange durch den Satz des Grundes erst zu Dingen ausser mir; wie kann ich denn hinwiederum erst durch sie, diese Dinge ausser mir, zu diesem Satze gelangt seyn? Ruht die Erde auf dem grossen Elephanten, und der grosse Elephant — wiederum auf der Erde?

Die Bestimmung des Menschen. In: Sämmtliche Werke, hrsg. v. I. H. Fichte. Berlin: de Gruyter 1971, Bd. II, S. 219.

Johann Gottlieb Fichte

Fr. Nicolai's Leben und sonderbare Meinungen (1801)

Wie fängt es denn nun Nicolai an, um in demselben Athemzuge wieder zurückzunehmen, was er hier zugesteht? [Daß das Ich nichts anderes ist als Identität des Subjects und Objects] Auch hier sind wir sicher, dass kein Leser auf das räth, was sich wirklich zuträgt. Es trägt sich nemlich nichts geringeres zu, als dies, dass Nicolai den eigentlichen Inhalt dieser Philosophie, in dessen vollständigem und durchgeführtem Beweise eben jenes System bestand, für eine der Prämissen dieses Systems, und zwar für eine willkürlich und ohne allen Beweis vorgebrachte Prämisse ansieht; das Gebäude selbst für die Kelle, womit das Gebäude gemauert worden, die Erde für die Schildkröte, von welcher die Erde getragen wird. Denn so lässt er sich vernehmen:
der Satz, dass das Ich die Intelligenz, und die Intelligenz das Ich sey, sey lediglich eine willkürliche Terminologie: es werde nichts für den Beweis dieses Satzes vorgebracht, auf welchen doch der ganze transscendentale Idealismus sich gründe
schreibe: sich gründe. - Damit ja kein Zweifel übrig bleibe, wie dies zu nehmen sey, setzt er tiefer unten hinzu: man (nemlich Nicolai) wende gegen jenen Satz ein: mein Ich ist nicht blosse Intelligenz, sondern Vernunft, Sinnlichkeit, Denkkraft, körperliche Kraft gehört dazu, schreibe: gehört dazu.
Also: die lediglich auf eine willkürliche Terminologie sich gründende, durch nichts bewiesene Prämisse des Fichteschen Idealismus ist der Satz: Ich, oder Intelligenz, oder Vernunft, Sinnlichkeit, Denkkraft, körperliche Kraft sind durchaus identisch. - Diesem Satze stellt Nicolai als unmittelbar gewissen Satz entgegen: Mein Ich ist freilich unter anderen auch Intelligenz (denn indem er sagt, dass es nicht blosse Intelligenz sey, sagt er ohne Zweifel, dass es diese doch auch mit sey); aber es gehören noch ausser der Intelligenz mit dazu, Vernunft, Sinnlichkeit, Denkkraft, körperliche Kraft. - Durch diese Gegensetzung nun hebt er jene Fichtesche Prämisse auf, und sprengt, da ganz allein auf diese sich der ganze transscendentale Idealismus gründet, diesen zugleich mit in die Luft; denn cessante fundamento cessat fundatum. Es ist zu beklagen, dass Nicolai nicht unmittelbar darauf, als er diese Widerlegung zu Ende gebracht hatte, aufgehenkt worden, damit er im Bewusstseyn dieses glorreichen Arguments seine speculative Laufbahn beschlossen hätte, und die Nachkommen hierbei seiner gedenken möchten.

Fr. Nicolai's Leben und sonderbare Meinungen. In: Sämmtliche Werke, hrsg. v. I. H. Fichte. Berlin: de Gruyter 1971, Bd. VIII, S. 56 f.

Friedrich Nicolai

Über das Journal Die Horen (1796)

[...] so viel ist gewiß, daß, wenn auch jener feste Grund [der unbedingte Grund der Kantischen Philosophie und ihrer Nachfolger] uns wäre gegeben worden, die kritische Philosophie ihn bis jetzt doch noch nicht gefunden zu haben scheint. Die so wesentlich verschiedenen Meinungen verschiedener kritischer Philosophen über die wichtigsten Gegenstände der Philosophie scheinen den Verdacht der Ungeweihten zu rechtfertigen, daß in dieser Philosophie bis jetzt noch nicht alles nach Gesetzen bestimmt ist, die unbedingt durch sich selbst bestehen; und es fängt an, hin und wieder zu verlauten: manche unbedingte, letzte Sätze derselben ruhten ihrerseits wieder auf etwas Bedingtem, so ungefähr wie in der bildlichen Ontologie der Indianer der Elefant, auf welchem das Universum so feste steht, seine Füße auf eine Schlange setzt, von welcher diese Ontologie nicht weiß, worauf sie ruht! Unter solchen Umständen kann die kritische Philosophie also auch wohl eben so wenig, als irgend eine andere verlangen, allgemeingeltend zu sein, oder zu werden; und sie wird der Natur des menschlichen Verstandes gemäß, so wie alle übrigen Philosophien, künftig immer mehr und mehr anders modifiziert werden, so daß mit der Zeit etwas anders an ihre Stelle kommen wird: eben so wie es mit allen Philosophien und Systemen seit Pythagoras Zeiten gegangen ist.

Aus: Beschreibung einer Reise durch Deutschland und die Schweiz, im Jahre 1781. Eilfter Band (1796). Zit. n. Friedrich Nicolai: Kritik ist überall, zumal in Deutschland, nötig. Satiren und Schriften zur Literatur. Hrsg. v. Wolfgang Albrecht. Leipzig, Weimar: Kiepenheuer 1987, S. 326 f.

Georg Christoph Lichtenberg

Vorlesungen zur Naturlehre (1798)

Anordnung

Vorläufig Etwas von den corpuscules gravifiques. [schwermachende Korpuskeln] was aus ihnen wird und Form der Atomen
Für das letzte ist nicht[s] gesagt.
Also man Erdichtet eine Welt, um die Erscheinungen einer andern daraus zu erklären.
Indischer Philosoph. Elephant Schildkröte
Man sieht also man muß tiefer ausholen
Man muß nicht Welten erschaffen nach Willkühr, sondern untersuchen auf welchem Wege wir zu der Vorstellung von Materie überhaupt gelangen
Beschränckung unserer Freiheit vermittelst der äussern Sinne.
Thut man dieses mit Aufrichtigkeit und Treue gegen seinen eigenen Verstand so findet man sich genöthigt, der Materie eine zurückstoßende Kraft zu zu schreiben.
Unserer Verstand legt ihm dieses Substrat unter.
Impenetrabilität relativ. Man erspart sich dadurch die leeren Raume.
Und dieser Widerstand offenbart sich uns nur unter der Form von angefülltem Raum.
Dieses ist keine Qualitas occulta Es ist das erste was wir annehmen können und müssen.
Existenz
Wenn ich eine andere Materie annehme die dieses durch Stoß ausrichtet bin ich denn dadurch weiser? Nicht um ein Haar.
Durch Existentz widerstehen ist Unsinn.
Ist etwa Existentz auch eine Qualitas occulta?
Existieren machende Materie.
Das fehlte noch. Eine Materie machende Materie.

Vorlesungen zur Naturlehre. Notizen und Materialien zur Experimentalphysik. Teil I. Hrsg. v. d. Akademie der Wissenschaften zu Göttingen. Göttingen: Wallstein 2007, S. 237.

Friedrich Bouterwek

Idee einer Apodiktik (1799)

Wenn die Wahrheit von Sätzen getragen werden soll, die nur dadurch wahr sind, daß sie sich auf andere und allgemeinere Sätze gründen; so gleicht die Philosophie dem Elephanten der Indischen Mythologie, der, mit der Welt auf seinem Rücken, sich auf eine Schildkröte stützt, die Schildkröte aber stützt sich auf .... Da hat die Weisheit ein Ende.

Idee einer Apodiktik. Ein Beytrag zur menschlichen Selbstverständigung und zur Entscheidung des Streits über Metaphysik, kritische Philosophie und Skepticismus, Bd. 1. Halle: Renger 1799, S. 11 f.

Friedrich Heinrich Jacobi

Über das Unternehmen des Kriticismus die Vernunft zu Verstande zu bringen (1801)

Was bringt nun, frage ich euch ernstlich, in jene drey Unendlichkeiten, die die Zwey der Receptivität und die Eine der Spontaneität, Endlichkeit; was befruchtet Raum und Zeit a priori mit Zahl und Maß, und verwandelt sie in ein reines Mannichfaltiges; was bringt die reine Spontaneität zur Oscillation, das Bewusstseyn a priori zum Bewusstsein? [...] Dieses müsset ihr angeben, müsset die Möglichkeit einer reinen Synthesis, mit oder ohne eine reine ganz inwendige Discrimination, darthun können, oder euer ganzes System hat nicht einmal den Bestand einer Seifenblase.

Es hat wirklich diesen nicht, und keinen andern; ist ganz und gar und durchaus nur über und mit dem zwiefachen, in Wechselwirkung gesetzten Betrug von einer Mannichfaltigkeit und einer Einheit erbaut, die da, wo sie — jedes für sich und von dem anderen unabhängig als ein Ursprüngliches und Erstes — sich befinden sollen, weder so zu finden oder anzutreffen sind, noch auf irgend eine Weise wahrhaft auch nur so phantasiert, geschweige denn gedacht werden können. Ihr Daseyn ist eine künstliche Vorspiegelung durch ein täuschendes Schatten in Schatten werfendes Doppelglas. Das vollendete, ausgeführte Spiel mit diesen Schattenwesen stellt in einem neuen Bilde jenen alten Regressus dar — von der Welt auf einen sie tragenden Elephanten, und vom Elephanten auf eine ihn tragende Schildkröte; mit dem Unterschiede nur, daß Ihr eine Figur mehr und die Schildkröte zweymal gebraucht. Die Vernunft nämlich, wie ich schon anfangs bemerkt habe, ruhet bei euch auf dem Verstande; der Verstand auf der Einbildungskraft; die Einbildungskraft auf der Sinnlichkeit; die Sinnlichkeit dann wieder auf der Einbildungskraft als einem Vermögen der Anschauungen a priori; diese Einbildungskraft endlich — Worauf? Offenbar auf Nichts! Sie ist die wahrhafte Schildkröte, der absolute Grund, das Wesende in allen Wesen. Aus sich rein a priori produciret sie sich selbst; und, als die Möglichkeit selbst von allem Möglichen (das Producirende des Producirens, welches in der Erscheinung als ein Eingreifen, Apprehendiren sich äußert) nicht nur was möglich, sondern auch was — vielleicht! — unmöglich ist. Genug, vor ihr kann nichts seyn: und was nach ihr ist, das ist nur durch sie, nur in ihr und von ihr.

Über das Unternehmen des Kriticismus die Vernunft zu Verstande zu bringen. In: F. H. J.: Werke. Hrsg. v. Friedrich Roth und Friedrich Köppen. Leipzig: Fleischer 1812-1825, Bd. 3, S. 114-116.

Wilhelm Traugott Krug

Über die verschiednen Methoden des Philosophirens (1802)

Alle Wissenschaften, außer der Philosophie, haben ihren eigenen Boden, auf dem sie sich frey und unbekümmert, worauf dieser Boden selbst ruhe — ob auf einem Elephanten und dieser wieder auf einer Schildkröte u. s. w. — anbauen können; die Philosophie hingegen ist eine bodenlose Wissenschaft, d. h. ihr ist kein Boden gegeben, sondern sie soll sich selbst den ihrigen schaffen und eben dadurch auch den Boden der übrigen Wissenschaften begründen.

Über die verschiednen Methoden des Philosophirens und die verschiednen Systeme der Philosophie in Rücksicht ihrer allgemeinen Gültigkeit. Eine Beylage zum Organon. Meißen: Erbstein 1802, S. V.

Georg Wilhelm Friedrich Hegel

Glauben und Wissen. Jacobische Philosophie (1802)

Es ist bei der Darstellung der Kantischen Philosophie gezeigt worden, wie Kant innerhalb dieser Sphäre auf eine vortreffliche Weise das Apriorische der Sinnlichkeit in die ursprüngliche Identität der Einheit und Mannigfaltigkeit, und zwar in der Potenz des Versenktseins der Einheit in die Mannigfaltigkeit als transzendentale Einbildungskraft setzt, den Verstand aber darein setzt, daß die apriorische synthetische Einheit der Sinnlichkeit in die Allgemeinheit erhoben [wird] und also diese Identität in relativen Gegensatz mit der Sinnlichkeit tritt, die Vernunft wieder als die höhere Potenz des vorigen relativen Gegensatzes, aber so, daß diese Allgemeinheit und Unendlichkeit nur die formelle reine Unendlichkeit und als solche fixiert ist. Diese echt vernünftige Konstruktion, durch welche nur der schlechte Name Vermögen bleibt, in Wahrheit aber eine Identität aller gesetzt ist, verwandelt nun Jacobi in ein Beruhen der Vermögen aufeinander. Die Vernunft ... beruht bei euch auf dem Verstande; der Verstand auf der Einbildungskraft; die Einbildungskraft auf der Sinnlichkeit; die Sinnlichkeit dann wieder auf der Einbildungskraft als einem Vermögen der Anschauungen a priori; diese Einbildungskraft endlich — worauf? Offenbar auf nichts! Sie ist die wahrhafte Schildkröte, der absolute Grund, das Wesende in allen Wesen. Aus sich rein produziert sie sich selbst und, als die Möglichkeit selbst von allem Möglichen, nicht nur was möglich, sondern auch was — vielleicht! — unmöglich ist.4 In solche schöne Verbindung bringt Jacobi die Vermögen, und daß etwas, freilich nicht die Einbildungskraft als abgetrennt von der Totalität, auf sich selbst ruhe, ist für Jacobi nicht nur so unphilosophisch wie das Bild der dummen Inder, welche die Welt von einem Wesen, das auf sich selbst ruhe, tragen lassen, sondern auch frevelhaft; und weil jeder aus seiner Jugend und der Psychologie weiß, daß die Einbildungskraft ist ein Vermögen, zu erdichten, so will nach Jacobi die Philosophie durch eine solche Einbildungskraft den Menschen bereden, daß der ganze Mensch wirklich sei ein Gewebe ohne Anfang und Ende, aus lauter Trug und Täuschung, aus Wahngesichten, aus Traum, daß der Mensch sich eine Religion und Sprache erfunden und erdichtet habe usw., wie darüber endlos im Taschenbuch gezankt und apostrophiert wird. Kurz, Jacobi versteht eine solche Einbildungskraft sowie eine sich selbst erzeugende Vernunft als etwas Willkürliches und Subjektives und die sinnliche Erfahrung als ewige Wahrheit.

Glauben und Wissen. Jacobische Philosophie. In: Werke in 20 Bdn. Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1970, Bd. 2, S. 363 f.Online.

Georg Wilhelm Friedrich Hegel

Glauben und Wissen. Fichtesche Philosophie (1802)

Dieser Idealismus [Fichtes] ist daher die wahrhafte Umkehrung des formalen Wissens, — aber nicht, wie Jacobi gesagt hat, des Kubus des Spinozismus; denn der Kubus des Spinoza ist nicht umkehrbar, weil er im freien Äther schwebt und es an ihm kein Oben noch Unten, viel weniger irgendeine Kugel oder Schildkröte, worauf er gegründet wäre, gibt, sondern er seine Ruhe und seinen Grund in sich selbst hat, seine eigene Kugel und Schildkröte ist. Hingegen das regellose Polyeder des formalen Wissens liegt auf einer ihm fremden Erde, in der es seine Wurzel und an der es seinen Träger hat; für dasselbe also gibt es ein Oben und Unten. Das gewöhnlich formelle Wissen hat die mannigfaltige Empirie als Grund, aber zieht aus demselben in die ideelle Atmosphäre mannigfaltige Spitzen von Begriffen. Das Fichtesche formelle Wissen ist eine Umkehrung von jenem; es fängt in der Atmosphäre, worin ein und dasselbe nur negativ und ideell vorgefunden wird, an, und der Idealität desselben sich bewußt, senkt es den negativ vorhandenen Inhalt mit positivem Zeichen als Realität nieder.

Glauben und Wissen. Fichtesche Philosophie. Werke in 20 Bdn. Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1970, Bd. 2, S. 400.Online.

Jens Baggesen

Der vollendete Faust oder Romanien in Jauer (1808)

Eilfter Auftritt.

HANS WURST steigt von der Platane herab, hebt Homer's und Virgil's Büsten auf, und stellt sie wieder auf ihre Gestelle.
Noch eine Stunde daure wenigstens
Hier Eur' Unsterblichkeit!

Sich zum Tempel wendend.

Ihr Musen alle,
Bald ist's um Euch gethan! Im Keller, ach!
Wird jetzt schon über Euch Gericht gehalten;
Und noch vor Abend stürzt, Apoll, Dein Thron!
Ach! retten kann ich Armer nicht; es treibt
Auch, wider Willen, mich, den Einzelnen,
Gewaltig fort der allgemeine Strom;
Und einen Chorus muß ich hier noch bilden
Von der gewöhnlichen Schriftstellerwelt,
Die von der bloßen Lesewelt getragen
Des Genius gestirnten Himmel trägt.

Er schlägt mit einer Peitsche auf den Boden, und ruft hinab.

Herauf, was lesen kann, und niemals schreibt!

Es hebt sich allmälig auf der Mitte des Theaters eine breite gewölbte Masse, gleich einer ungeheuren Kröte, empor. — Hans Wurst ruft in die Runde:

Hieher, was lesen, und was schreiben kann!

Es stürzen aus allen Coulissen mehrere als Schriftsteller vom zweiten Range gekleidete Personen hervor, und betreten den gewölbten Boden. Hans Wurst rangirt sie, und flicht ihnen Arme und Beine so künstlich in einander, daß sie am Ende alle zusammen einen ungeheuren Elephanten bilden. — Nachdem er sie so zusammen und auf einander gestellt, ruft er in die Höhe:

Herab, was schreiben kann, und niemals liest! —

Es sinkt von oben ein großer Luftballon herunter, der, mit schwerem Geist gefüllt, sich auf den Rücken des Elephanten lagert.

CHOR DES KRÖTENBODENS.
Ich schweige — Du schweigst —
Er schweigt —
Wir schweigen — Ihr schweiget —
Sie schweigen.
CHOR VON DEN ZUSAMMENGEFLOCHTENEN.
Weh mir stammelndem, nur im Leid
Thätigem, lückebüßendem
Literarischem V a p u l o !
Weh mir unter den wortgebornen

Unglückseligstem, ohne Kraft
Strebendem, immer murrendem,
Mitseynwollendem Taugenichts!
Weh mir schriftlichem Elephanten!

Zwar dickhäutig und knochenstark
Schuf mich, eh er das Handwerk
Recht gelernt, der Naturbildhauer —
Hätte nur nicht er zugleich den Rüssel

Mir gegeben, den Uebergang
Zu dem feineren Geistesgliede,
Das so hoch in die Luft sie tragen,
Jene Drücker auf mich: die Nase!

Lieber möcht' ich die Kröte seyn:
Zahlendes, platzeinnehmendes,
Ganz stillschweigendes P a s s i v u m ,
Jene Kröte, die selbst auch mich trägt.

Der Elephant stürzt mit entsetzlichem Gepolter aus einander. — Aus dem Ballon, der durch den Stoß in zwei Hemisphären zerfällt, stürzen rechts und links zwei Chöre auf die Bühne, die sich einander gegenüberstellen. —

RECHTER CHOR mit geballten Fäusten.
Schaut meinen dicken Nacken, breite Schultern hier!
Fuß steif, geballt die Faust, steh' ich, ein steinern Gott,
Einfach, und rauh, ursplitternackt, und groß,
Das All in mir begrenzend. P l a s t i k heiß' ich. —
LINKER CHOR mit gefalteten Händen.
Einem zerflatternden Blümelein gleich, auf welkendem Stäng'lein,
Schweb' ich, die Händchen gefaltet, ein sterbendes Eng'lein;
Luftend und duftend in's All mich unendlich verlierend,
Und mit romantischer Binde mein Stirnelein zierend.
RECHTER CHOR.
Griechische Weise polirten mich, ach! Aristarchen Athenes
Feilten mich, selbst im Homer, glatt und geründet und schön,
Legten Sandalen mir an; und der Dichter römische Jungfrau
Hüllte mir mehr als den Fuß, ach! und verpfuschte mich ganz. —
LINKER CHOR.
Mir ging's erbärmlich auch in beiden Spanien;
Erbärmlich gar zuletzt in den Germanien.
Der T a s s o zupfte schon mit bösem Fleiß
Mir manche bunte Feder aus dem Steiß.
C e r v a n t e s riß mir ab die wundervolle Binde —
M i l t o n und K l o p s t o c k selber ließen mir
Von meinen hundert Flügeln kaum noch vier.
Die Lümmel glaubten mit dem Mistbeetdüngen
Mein mittelaltes Blühen zu verjüngen.
RECHTER CHOR.
Feuer vom Himmel geholt blies in die steinerne Nase,
Weh mir! G ö t h e. Zum Glück kamen die Schüler nachher,
Pauschten die Backen und bliesen, und pusteten, pauschten und spritzten,
Bliesen von hinten und vorn, Heil mir! und bliesen es aus!
Wär' ich doch sonst vielleicht organisch nach oben geflogen,
Statt im krystallenen Schutt unten erstarrend zu ruhn. —
LINKER CHOR.
Wie nah', o Jammer! war ich Aermste dem Verderben!
Es fing schon S c h i l l e r an, mich an den Boden hier
Zu fesseln, und der Welt mich einzuwurzeln schier!
Er bracht' ein' Art von Wachsthum in mein Sterben:
Ich grünte schon als Lebensbaum am Born —
Da kam zum Glück ein Knab' mit einem Wunderhorn,
Und sah am Boden irdisch mich genesen,
Statt himmlisch in den Lüften zu verwesen;
Zerhaute mir die Wurzel zart und fein,
Und sprach: Zerfliege wieder Schmetterlein!
Viel süßer ist romantische Verwesung,
Als plastische, gar classische, Genesung!

Seit diesem Rettungsruf ersterb' ich immerdar
Im bloßen Aether ganz und gar. —
BEIDE CHÖRE.
O starrer, flüss'ger Segensfluch!
Polarische Gemüthstendenz!
Umarme Dich im lauten Widerspruch
Der schweigenden Indifferenz!

Sie umarmen einander, und versinken auf den sinkenden Elephantentrümmern, mit dem sinkenden Boden.

Der vollendete Faust oder Romanien in Jauer. In: Jens Baggesen's Poetische Werke in deutscher Sprache, Bd. 3. Leipzig: Brockhaus 1836, S. 241-244

Washington Irving (1809)

The world in which we dwell is a huge, opake, reflecting, inanimate mass, floating in the vast etherial ocean of infinite space. It has the form of an orange, being an oblate spheroid, curiously flattened at opposite parts, for the insertion of two imaginary poles, which are supposed to penetrate and unite at the centre; thus forming an axis on which the mighty orange turns with a regular diurnal revolution. [...]

I am fully aware, that I expose myself to the cavillings of sundry dead philosophers, by adopting the above theory. Some will entrench themselves behind the ancient opinion, that the earth is an extended plain, supported by vast pillars; others, that it rests on the head of a snake, or the back of a huge tortoise; and others, that it is an immense flat pancake, and rests upon whatever it pleases God — formerly a pious Catholic opinion, and sanctioned by a formidable bull, dispatched from the vatican by a most holy and infallible pontiff. [...]

But while briefly noticing long celebrated systems of ancient sages, let me not pass over with neglect, those of other philosophers; which though less universal and renowned, have equal claims to attention, and equal chance for correctness. Thus it is recorded by the Brahmins, in the pages of their inspired Shastah, that the angel Bistnoo transforming himself into a great boar, plunged into the watery abyss, and brought up the earth on his tusks. Then issued from him a mighty tortoise, and a mighty snake; and Bistnoo placed the snake erect upon the back of the tortoise, and he placed the earth upon the head of the snake. [...]

And now, having adduced several of the most important theories that occur to my recollection, I leave my readers at full liberty to choose among them. They are all the serious speculations of learned men — all differ essentially from each other — and all have the same title to belief. For my part, (as I hate an embarrassment of choice) until the learned have come to an agreement among themselves, I shall content myself with the account handed us down by the good old Moses; in which I do but follow the example of our ingenious neighbours of Connecticut; who at their first settlement proclaimed, that the colony should be governed by the laws of God — until they had time to make better.

A History of New York, from the Beginning of the World to the End of the Dutch Dynasty, Volume 1, Book I, Chap. I, IIOnline (Wikisource).

Adam Müller

Die Elemente der Staatskunst (1809)

Die Indier haben eine Fabel, mit der sie die Frage beantworten, worauf die Erdkugel sich stütze und wie sie im Gleichgewicht erhalten werde: ein Riese trägt sie; den Riesen trägt wieder ein ungeheurer Elephant; den Elephanten eine Schildkröte, u. s. f. So, kann man sagen, wird der Credit vom Metallgelde getragen, das Metallgeld von der Staatsverfassung, diese von den Gesetzen, u. s. f. Es zeigt sich eine Reihe von Kräften, deren eine die andere trägt; welche aber zuletzt die übrigen alle trage, läßt sich nicht bestimmen.

Die Elemente der Staatskunst. Hrsg. v. Jakob Baxa. Jena: Gustav Fischer 1922, Bd. II, S. 42 f. (27. Vorlesung).

Adam Müller

Versuche einer neuen Theorie des Geldes (1816)

Die einzige Staatsform, welche die cursierenden Staatslehren statuieren, ist der Despotismus, wie sehr sie ihn auch dämpfen wollen, dadurch, daß sie die gesetzgebende Macht und ihre Mittel, die Rede- und Preßfreiheit, dem Volke anvertrauen, und somit die ganze Staatsgewalt wieder als ein idealisches Privateigenthum dem Volke unterwerfen. Könnte sich das Volk auch wirklich als oberster Privateigenthümer der Staatsgewalt und dadurch seiner selbst constituieren, so hätten wir nur die alte Fabel: ein Riese trägt die Erde, ein Elephant den Riesen, den Elephant eine Schildkröte u. s. f. und beym Despotismus bliebe es: wer ihn ausübte, bliebe gleichgültig.

Die Freyheit ist also nur, wo Wechselverpflichtungen sind; wo mehrere Arten des Eigenthums sich unter einander zugleich dämpfen und verbürgen; wo das Privatrecht an allen Stellen durch einen echten Feudalismus gemäßigt ist.

Versuche einer neuen Theorie des Geldes mit besonderer Rücksicht auf Großbritannien. Hrsg. v. Helene Lieser. Leipzig: G. Fischer 1922, S. 25 f.

Joseph Görres

Mythengeschichte der asiatischen Welt (1810)

Die Arche ruhend auf jenem Felsenpico ist mithin auch Schiwalingam; und die Lingams in die dieser sich vertheilt, und die in allen Orten der Welt aufgepflanzt worden, sind die Väter der Völker, die von dem neuen Stammvater ausgegangen. Satyaurata aber gieng aus dem Schiff hervor, und es geschah an ihn das Gebot von neuem die Erde zu bevölkern. Da sprach er, wie kann ich, mag ich doch meinen Fuß nicht auf trockne Erde setzen. Da kam Wischnu herab in seiner dritten Incarnation; er tauchte bis zur Mitte des Abgrunds nieder, wo der Riese Herncaschup die Erde verborgen hielt, und setzte sie wieder an ihren Ort. Früher aber noch war die zweite Niederkunft, die den Himmel und die Anordnung himmlischer Dinge zum Gegenstand hatte, erfolgt. Der Berg Meru (die Erde), durch die Devetas und Djenian (hier die beiden Centralkräfte im Bild vorstellend) wird im Milchmeer, dem Aether, mit Hilfe der darum gewundenen Schlange Basugnag umgetrieben, gestützt von Wischnu in Gestalt der Schildkröte, und der Abgrund wirft nun die 14 Kleinodien und die 16 Metalle und Halbmetalle aus. Und es werden diese Gaben so vertheilt, daß Wischnu Latschmi die Göttin der Schönheit, die Waffe Saran und den großen Karfunkel Bild der Sonne, der alle Paradiese durchleuchtet, erhält; Mahadeva aber Tirsut den Trident, das Mondesviertel und Bikh das allesdurchdringende Gift, während Brahma leer ausgeht. Indra gewinnt das Airaput den weißen Elephanten, auf dem das ganze Firmament ruht, und Rhanba die erste Tänzerin, die ihm seine kreisförmige Bewegung giebt. Dem Deveta der Sonne fällt das Pferd mit den sieben Köpfen zu Theil; dem Dewete Sourg, der Paradiese, Paratschekti der Baum des Lebens; den Munis und Rischis aber Cambdeva die Kuh; allen Deveta's insgemein Ambert der Trank der Unsterblichkeit; den Menschen Dhananter der Arzt, die Metalle, den Djenian endlich Mud das geistige Getränke, bei welcher Gelegenheit denn auch auf und absteigender Knoten und das Sternbild des Steinbocks am Himmel gebildet werden. Rein physisch also sind noch jene drei ersten Avatars, mit der vierten erst beginnt das Historische.

Mythengeschichte der asiatischen Welt. Heidelberg: Mohr und Zimmer 1810, Bd. 2, S. 545-547.

Samuel Taylor Coleridge

Biographia Literaria (1817)

To make myself intelligible as far as my present subject requires, it will be sufficient briefly to observe.—1. That all association demands and presupposes the existence of the thoughts and images to be associated.—2. That the hypothesis of an external world exactly correspondent to those images or modifications of our own being, which alone, according to this system, we actually behold, is as thorough idealism as Berkeley's, inasmuch as it equally, perhaps in a more perfect degree, removes all reality and immediateness of perception, and places us in a dream-world of phantoms and spectres, the inexplicable swarm and equivocal generation of motions in our own brains.—3. That this hypothesis neither involves the explanation, nor precludes the necessity, of a mechanism and co-adequate forces in the percipient, which at the more than magic touch of the impulse from without is to create anew for itself the correspondent object. The formation of a copy is not solved by the mere pre-existence of an original; the copyist of Raffael's Transfiguration must repeat more or less perfectly the process of Raffael. It would be easy to explain a thought from the image on the retina, and that from the geometry of light, if this very light did not present the very same difficulty. We might as rationally chant the Brahim creed of the tortoise that supported the bear, that supported the elephant, that supported the world, to the tune of "This is the house that Jack built." The sic Deo placitum est we all admit as the sufficient cause, and the divine goodness as the sufficient reason; but an answer to the Whence and Why is no answer to the How, which alone is the physiologist's concern. It is a sophisma pigrum, and (as Bacon hath said) the arrogance of pusillanimity, which lifts up the idol of a mortal's fancy and commands us to fall down and worship it, as a work of divine wisdom, an ancile or palladium fallen from heaven. By the very same argument the supporters of the Ptolemaic system might have rebuffed the Newtonian, and pointing to the sky with self-complacent grin have appealed to common sense, whether the sun did not move and the earth stand still.

Biographia Literaria. Ed. by J. Shawcross. Oxford: Oxford University Press, London: Humphrey Mildford 1939, vol. 1, S. 91-93 (Chapter VIII)Online.

Friedrich Creuzer

Symbolik und Mythologie der alten Völker besonders der Griechen (1819)

2. Capitel. Von den Religionen Indiens. § 8.
So war die Welt geschaffen, und die vier von Birmah hervorgebrachten Menschen verbreiteten sich fort und fort auf ihr. Es ist aber die Welt nach Indischer Ansicht in vier große Zeiträume eingetheilt, in vier Aeonen oder Weltalter, von den Indiern Yuga's genannt, das erste Satia-yug, das des Brahma oder Schöpfers; das zweite Tiraita-yug; das dritte Dwaper-yug, beide des Wischnu oder Erhalters; das vierte Cali-yug, des Schiwa oder Zerstörers. Die ersteren sind abgelaufen. — Dran schließt sich die Lehre der Indier von neun bis zehn außerordentlichen Verwandlungen der Gottheit in der Person des Wischnu, d. i. der erhaltenden und fürsorgenden Gotteskraft, so oft wegen überhandnehmender Gottlosigkeit der Menschen solche außerordentliche Vorsehung nöthig ist. Es glauben zwar die Hindus unzählige Avatars, d. i. solche Herabsteigungen oder besondere Dazwischenkunften der Vorsehung in den Angelegenheiten der Menschen, sie rechnen aber zehn Hauptavatars während des ganzen Zeitraums von vier Yuga's oder Weltaltern. Im ersten Avatar erscheint Wischnu als Fisch, im zweiten als Schildkröte, im dritten als Antelope, im vierten als männlicher Löwe, im fünften als Zwerg, im sechsten als Paraschri-Rama, im siebenten als Rama-Thandra, im achten als Pala-Rama mit der Pflugschar, im neunten als Buddha, im zehnten als Zerstörer Calci.

Symbolik und Mythologie der alten Völker, besonders der Griechen. 2. Ausg. Leipzig, Darmstadt: Heyer und Leske 1819-1823, Bd. 1, S. 601 f.

Mary Wollstonecraft Shelley

Frankenstein (1818/1831)

Every thing must have a beginning, to speak in Sanchean phrase; and that beginning must be linked to something that went before. The Hindoos give the world an elephant to support it, but they make the elephant stand upon a tortoise. Invention, it must be humbly admitted, does not consist in creating out of the void, but out of chaos; the materials must, in the first place, be afforded: it can give form to dark, shapeless substances, but cannot bring into being the substance itself. In all matters of discovery and invention, even of those that appertain to the imagination, we are continually reminded of the story of Columbus and his egg. Invention consists in the capacity of seizing on the capabilities of a subject, and in the power of moulding and fashioning ideas suggested to it.

Frankenstein. London: Colburn and Bentley 1831. Introduction, S. IX.Online.

Karl Julius Weber

Der Geist Wilhelm Ludwig Wekhrlins (1823)

Lebens-Philosophie.

Etwas weniger Stolz und mehr Philosophie! wenn die Natur uns Knoten vorhält, so laßt sie unberührt, und braucht nicht, um sie zu zerhauen, die Hand eines Wesens, das uns so unbekannt ist. Fragt den Indier: Worauf ruhet die Erde? er antwortet, auf dem Rücken eines Elephanten - Und der Elephant? "ihn stützt eine Schildkröte." Und wer stützt diese? "Ja! das weiß ich nicht!" - Warum nicht gleich diese Antwort, wir ersparten den Elephanten und die Schildkröte.

Karl Julius Weber: Der Geist Wilhelm Ludwig Wekhrlins, von Wekhrlin junior. 2. Aufl. Stuttgart: Hallberger 1837 (Carl Julius Weber's sämmtliche Werke, 15), S. 179 (zuerst 1823)

Ludwig Feuerbach

Gedanken über Tod und Unsterblichkeit (1830)

3) Da das wesentliche Object der Individuen [im Pietismus] allein das Subject ist, die Persönlichkeit allein für sie absolute Realität hat, so haben sie sich damit auf einen Standpunkt gestellt, wo das Eine in jeder Sache, das Allgemeine, das Ganze, das wahrhaft Wirkliche und Wesenhafte aus ihrer Anschauung verschwindet. [...] die Weltgeschichte hat wohl auch den Namen einer Universal-, einer Weltgeschichte, einer Geschichte der Menschheit; aber sie wissen nur von Menschen, nicht von der Menschheit, von Einem Geiste, Einem Ganzen; Welt, Menschheit, Geist sind nur Titel, Namen; die Weltgeschichte ist ihnen daher nur eine Geschichte von Menschen einerseits, andererseits von Lagen, Verhältnissen, Umständen. Die Indier machten doch noch Elephanten zu den Trägern des Weltalls; aber diese Personen machen die geheimen Cabinetsgrillen der Minister, die Papageyen und Schooßhündchen der Prinzessinnen und Königinnen, die Flöhe und Läuse, die auf den Köpfen der großen Herren und Helden nisten, zu den Trägern, den Bewegern und erhabnen Stützen des Weltalls. Sie reden wohl auch von einer Natur, aber sie wissen nicht von einer Natur, sondern nur von einem Inbegriffe, einer Collecte von den unzählig vielen einzelnen Sternen, Steinen, Pflanzen, Thieren, Stoffen, Dingen.

Gedanken über Tod und Unsterblichkeit. In: Ludwig Feuerbachs sämmtliche Werke. Hrsg. v. Wilhelm Bolin und Friedrich Jodl. Stuttgart: Frommann 1903-1964, Bd. XI, S. 86 f.

William Godwin

Thoughts on Man (1831)

Locke is the philosopher, who, in writing on Human Understanding, has specially delivered the doctrine, that uneasiness is the cause which determines the will, and urges us to act. He says,

The motive we have for continuing in the same state, is only the present satisfaction we feel in it; the motive to change is always some uneasiness: nothing setting us upon the change of state, or upon any new action, but some uneasiness. This is the great motive that works on the mind.

It is not my concern to enquire, whether Locke by this statement meant to assert that self-love is the only principle of human action. It has at any rate been taken to express the doctrine which I here propose to refute.

And, in the first place, I say, that, if our business is to discover the consideration entertained by the mind which induces us to act, this tells us nothing. It is like the case of the Indian philosopher5, who, being asked what it was that kept the earth in its place, answered, that it was supported by an elephant, and that elephant again rested on a tortoise. He must be endowed with a slender portion of curiosity, who, being told that uneasiness is that which spurs on the mind to act, shall rest satisfied with this explanation, and does not proceed to enquire, what makes us uneasy?

Thoughts on Man. His Nature, Productions, and Discoveries. Essay XI. Of Self-love and BenevolenceOnline.

Honoré de Balzac

Séraphîta (1835)

En mettant Dieu face à face avec ce Grand Tout, il n'est entre eux que deux états possibles. La Matière et Dieu sont contemporains, ou Dieu préexistait seul à la Matière. En supposant la raison qui éclaire les races humaines depuis qu'elles vivent, amassée dans une seule tête, cette tête gigantesque ne saurait inventer une troisième façon d'être, à moins de supprimer Matière et Dieu. Que les philosophies humaines entassent des montagnes de mots et d'idées, que les religions accumulent des images et des croyances, des révélations et des mystères, il faut en venir à ce terrible dilemme, et choisir entre les deux propositions qui le composent ; mais vous n'avez pas à opter : l'une et l'autre conduit la raison humaine au Doute.
Le problème étant ainsi posé, qu'importe l'Esprit et la Matière ? Qu'importe la marche des mondes dans un sens ou dans un autre, du moment où l'être qui les mène est convaincu d'absurdité ? À quoi bon chercher si l'homme s'avance vers le ciel ou s'il en revient, si la création s'élève vers l'Esprit ou descend vers la Matière, dès que les mondes interrogés ne donnent aucune réponse ? Que signifient les théogonies et leurs armées, que signifient les théologies et leurs dogmes, du moment où, quel que soit le choix de l'homme entre les deux faces du problème, son Dieu n'est plus !
Parcourons la première, supposons Dieu contemporain de la Matière. Est-ce être Dieu que de subir l'action ou la coexistence d'une substance étrangère à la sienne ? Dans ce système, Dieu ne devient-il pas un agent secondaire obligé d'organiser la matière ? Qui l'a contraint ? Entre sa grossière compagne et lui, qui fut l'arbitre ? Qui a donc payé le salaire des Six journées imputées à ce Grand Artiste ? S'il s'était rencontré quelque force déterminante qui ne fût ni Dieu ni la Matière, en voyant Dieu tenu de fabriquer la machine des mondes, il serait aussi ridicule de l'appeler Dieu que de nommer citoyen de Rome l'esclave envoyé pour tourner une meule.
D'ailleurs, il se présente une difficulté tout aussi peu soluble pour cette raison suprême, qu'elle l'est pour Dieu. Reporter le problème plus haut, n'est-ce pas agir comme les Indiens, qui placent le monde sur une tortue, la tortue sur un éléphant, et qui ne peuvent dire sur quoi reposent les pieds de leur éléphant ?
Cette volonté suprême, jaillie du combat de la Matière et de Dieu, ce Dieu, plus que Dieu, peut-il être demeuré pendant une éternité sans vouloir ce qu'il a voulu, en admettant que l'Éternité puisse se scinder en deux temps ? N'importe où soit Dieu, s'il n'a pas connu sa pensée postérieure, son intelligence intuitive ne périt-elle point ? Qui donc aurait raison entre ces deux Éternités ? Sera-ce l'Éternité incréée ou l'Éternité créée ?

SéraphîtaOnlineEnglisch.

Heinrich Moritz Chalybäus (1840)

Phänomenologische Blätter (1840)

Die alte Frage nach dem Anfange und Princip der Philosophie hat sich zuletzt wieder in den Streite hervorgedrängt, welche Stellung die Hegel'sche Phänomenologie im oder zum System einnehme. [...]
Da nun aber die Phänomenologie doch selbst wieder ihrem Inhalte nach in das System und zwar in dessen letzten Theil verwebt worden, und dort wieder ihre Begründung durch die vorgängigen Theile erhält, so ruht der Anfang des Systems offenbar und eingestandener Maßen auf dem Ende und das Ende auf dem Anfange, so, daß es einen absoluten Anfang gar nicht giebt, jeder gemachte also beliebig und willkührlich erscheinen möchte.
Dieß indessen ist der Sache nach keinesweges die wahre Meinung. Um sich das Studium zu erleichtern, zur Bequemlichkeit - kurz zu propädeutischen Zwecken wird man es zwar immerhin erlauben, bei der Lehr vom subjectiven Geiste, oder vom objectiven, der Rechtslehre, Aesthetik, oder wo sonst immer, anzufangen, aber als absolut begründenden Theil wird man doch immer die Logik, und nur diese, gelten lassen; was logisch nicht zu rechtfertigen ist, wird philosophisch überhaupt gar nicht zu begründen sein; und zudem muß doch das System ein Princip haben, das Princip aber natürlich der Anfang sein. Mit der bloßen Vorstellung von einem Kreise oder Ringe, in welchem sich die Philosophie zum Symbol der Ewigkeit in sich zusammen fasse, wird es also wohl eben so wenig sein Bewenden haben können, als mit der eines absoluten Postamentes, Grundsteines oder Fundamentes, worauf das ganze Gebäude der Wissenschaft ruhe. Beides sind eben nur halbwahre Vorstellungen, Bei der einen ist schon öfter an das Kunststück Münchhausen's erinnert worden, der sich bei seinem eignen Zopfe über dem Sumpfe zu halten suchte; bei der andern an jene Weltvorstellung, welche die Erde auf einem Elefanten, den Elefangen auf einer Schildkröte, die Schildkröte auf dem Meere, und das Meer? - nun ohne Zweifel zuletzt doch wieder auf Erde - ruhen läßt.

Heinrich Moritz Chalybäus: Phänomenologische Blätter. Kiel: Schwers'sche Buchhandlung 1840, S. 8-10 — Online.

Justinus Kerner

Dauer des Herzens (1841)

Ein Saumtier träget still
Und sanft die Zentnerlast,
Wohin der Treiber will,
Begehrend keine Rast.

Ein Wagen rollt daher,
Die Schildkröt' ihm nicht weicht,
Und wär' er noch so schwer,
Trägt seine Last sie leicht.

Doch all die Last ist Scherz,
Bedenkst du das Gewicht,
Das oft ein Menschenherz
Still träget und nicht bricht.6

Die Dichtungen. 3. sehr verm. Aufl. Stuttgart, Tübingen: Cotta 1841, S. 12.

Alexander von Humboldt

Kosmos. Entwurf einer physischen Weltbeschreibung (1845)

In dem geologischen Theile des Naturgemäldes sind wir nun die ganze Reihe der Bildungen von dem ältesten Eruptionsgestein und den ältesten Sedimentbildungen an bis zu dem Schuttlande durchlaufen, auf welchem die großen Felsblöcke liegen, über deren Verbreitungs-Ursache noch lange gestritten werden wird, die wir aber geneigt sind minder tragenden Eisschollen, als dem Durchbruch und Herabsturz zurückgehaltener Wassermassen bei Hebung der Gebirgsketten zuzuschreiben. Das älteste Gebilde der Transitions-Formation, das wir kennen gelernt, sind Schiefer und Grauwacke, welche einige Reste von Seetang einschließen aus dem silurischen, einst cambrischen Meere. Worauf ruhte dies sogenannte älteste Gebilde, wenn Gneiß und Glimmerschiefer nur als umgewandelte Sedimentschichten betrachtet werden müssen? Soll man eine Vermuthung wagen über das, was nicht Gegenstand einer wirklichen geognostischen Beobachtung sein kann? Nach einer indischen Urmythe trägt ein Elephant die Erde; er selbst, damit er nicht falle, wird wiederum von einer Riesen-Schildkröte getragen. Worauf die Schildkröte ruhe, ist den gläubigen Brahminen nicht zu fragen erlaubt. Wir wagen uns hier an ein ein ähnliches Problem, wenn auch mannigfaltigen Tadels der Lösung gewärtig. Bei der ersten Bildung der Planeten, wie wir sie in dem astronomischen Theile des Naturgemäldes wahrscheinlich gemacht, wurden dunstförmige, um die Sonne circulirende Ringe in Kugeln geballt, die von außen nach innen allmälig erstarrten. Was wir die älteren silurischen Schichten nennen, sind nur obere Theile der festen Erdrinde. Das Eruptionsgestein, das wir diese durchbrechen und heben sehen, steigt aus uns unzugänglicher Tiefe empor; es existiert demnach schon unter den silurischen Schichten, aus derselben Association von Mineralien zusammengesetzt, die wir als Gebirgsarten, da wo sie durch den Ausbruch uns sichtbar werden, Granit, Augitfels oder Quarzporphyr nennen. Auf Analogien gestützt, dürfen wir annehmen, daß das, was weite Spalten gleichsam gangartig ausfüllt und die Sedimentschichten durchbricht, nur Zweige eines unteren Lagers sind. Aus den größten Tiefen wirken die noch thätigen Vulkane; und nach den seltenen Fragmenten zu urtheilen, die ich in sehr verschiedenen Erdstrichen in den Lavaströmen habe eingeschlossen gefunden, halte auch ich es für mehr als wahrscheinlich, daß ein uranfängliches Granitgestein die Unterlage des großen, mit so vielen organischen Resten angefüllten Schichtenbaues sei. Wenn olivinführende Basalte sich erst in der Kreide-Epoche, Trachyte noch später sich zeigen, so gehören die Ausbrüche des Granits dagegen, wie auch die Producte der Metamorphose es lehren, in die Epoche der ältesten Sedimentschichten der Transitions-Formation. Wo die Erkenntnis nicht aus der unmittelbaren Sinnesanschauung erwachsen kann, ist es wohl erlaubt, auch nach bloßer Intuition, wie nach sorgfältiger Vergleichung der Thatsachen eine Vermuthung aufzustellen, die dem alten Granit einen Theil der bedrohten Rechte und den Ruhm der Uranfänglichkeit wiedergibt.

Kosmos. Entwurf einer physischen Weltbeschreibung, 1. Band. Stuttgart, Tübingen: Cotta 1845, S. 299 f.Online.

Henry David Thoreau

Walking (1851)

I wish to speak a word for Nature, for absolute Freedom and Wildness, as contrasted with a Freedom and Culture merely civil,—to regard man as an inhabitant, or a part and parcel of Nature, rather than a member of society. I wish to make an extreme statement, if so I may make a emphatic one, for there are enough champions of civilization; the minister, and the school-committee, and every one of you will take care of that. [...]

The West is preparing to add its fables to those of the east. The valleys of the Ganges, the Nile, and the Rhine, having yielded their crop, it remains to be seen what the valleys of the Amazon, the Plate, the Orinoco—the St. Lawrence and the Mississippi will produce. Perchance, when in the course of ages, American Liberty has become a fiction of the past,—as it is to some extent a fiction of the present,—the poets of the world will be inspired by American Mythology.

The wildest dreams of wild men, even, are not the less true, though they may not recommend themselves to the sense which is most common among Englishmen and Americans today. It is not every truth that recommends itself to the common sense. Nature has a place for the wild clematis as well as for the cabbage. [...] The Hindoos dreamed that the earth rested on an elephant, and the elephant on a tortoise, and the tortoise on a serpent; and though it may be an unimportant coincidence, it will not be out of place here to state, that a fossil tortoise has lately been discovered in Asia large enough to support an elephant. I confess that I am partial to these wild fancies, which transcend the order of time and development. They are the sublimest recreation of the intellect. The partridge loves peas, but not those that go with her into the pot.

WalkingOnline (1/1; 2/36, 2/37).

Henry David Thoreau

Life Without Principle (1854/1863)

To speak impartially, the best men that I know are not serene, a world in themselves. For the most part, they dwell in forms, and flatter and study effect only more finely than the rest. We select granite for the underpinning of our houses and barns; we build fences of stone; but we do not ourselves rest on an underpinning of granitic truth, the lowest primitive rock. Our sills are rotten. What stuff is the man made of who is not coexistent in our thought with the purest and subtilest truth? [...]

That excitement about Kossuth,7 consider how characteristic, but superficial, it was!- only another kind of politics or dancing. Men were making speeches to him all over the country, but each expressed only the thought, or the want of thought, of the multitude. No man stood on truth. They were merely banded together, as usual one leaning on another, and all together on nothing; as the Hindoos made the world rest on an elephant, the elephant on a tortoise, and the tortoise on a serpent, and had nothing to put under the serpent. For all fruit of that stir we have the Kossuth hat.

Life Without PrincipleOnline (2/5, 2/6).

Thomas de Quincey

On the Supposed Scriptural Expression for Eternity (1852)

Meantime, what need of this eternal machinery, that eternally is breaking like ropes of sand? Or of this earth resting on an elephant, that rests on a tortoise, that, when all is done, must still consent to rest on the common atmosphere of God? These chains of inspiration are needless.

On the Supposed Scriptural Expression for Eternity.

J. H. Ingraham (pseud., Joseph Holt)

The Pillar of Fire (1859)

Thinkest thou the earth is square, Rathos, from what voyages thou hast made? I asked of the gray-haired captain, whose silvery locks were braided around his head, and covered by a green embroidered bonnet, with a fringed cape falling to his neck.

Or a triangle, my lord prince; but some say four square, with a burning mountain at each angle.

Which is thine own opinion, Rathos? asked the prince, who had been listening to our conversation.

That it is irregular and jagged, my lord of Egypt, in shape not unlike this fair Isle of Rhoda, at which we are about to land.

And what thinkest thou, Rathos, is its foundation? continued the prince.

The Indian wise men say it is held up on the back of a huge tortoise; and our priests of Egypt that it floats in a vast ocean; while in Jaffa they teach that it floats on a boundless sea of fire. I know not, my lord prince. I leave knowledge of such wisdom to the great philosophers; and for my part am content to live upon our fair earth as long as the gods will, be it fire, or tortoise, or even though it stand on nothing, as the people in Persia hold that it does. But we are at the terrace-steps, my lord of Memphis!

Here he bowed low, holding his hand to his heart, and left us to superintend the landing of the galley, at the porphyry staircase of the propylæum of the palace.

Sesostris, said the prince to me, has the idea occurred to you that this world may be a globe, suspended in subtle ether, and in diurnal revolution around the fixed sun?

Never, Remeses! I cried, with a look of amazement at this bold and original thought. It is impossible it should be so!

Nothing is impossible with the Author of creation! said Remeses, with great solemnity. And, then, after an instant's pause, he added pleasantly — On what does the sea of fire or the tortoise rest, my dear prince? Which theory is the most difficult to receive? But I have given astrology considerable attention, and if you will examine with me some observations and calculations that I have made, I think you will be with me in my novel opinion, that this earth may prove to be a sphere and in orbitual motion, with its seven planets, about the sun; its annual progress in its circuit giving us seasons, its diurnal motion night and day! But I see you stand perplexed and amazed. By and by you shall be initiated into the mysteries of my studies. Let us land!

The Pillar of Fire; or, Israel in Bondage, Part 1, Letter XOnline.

Friedrich Albert Lange

Geschichte des Materialismus (1866)

Es ist der mosaische Glaube, der von allen Religionen zuerst die Idee der Schöpfung als einer Schöpfung aus Nichts gefaßt hat.

Erinnern wir uns, wie der junge Epikur der Sage nach noch als Schulknabe sich der Philosophie zuzuwenden begann, als er hatte lernen müssen, daß alle Dinge aus dem Chaos stammen, und als nun keiner seiner Lehrer ihm erklären konnte, woher denn das Chaos sei.

Es gibt Völker, welche glauben, daß die Erde auf einer Schildkröte ruhe; worauf aber die Schildkröte, darf man nicht fragen. So leicht begnügt sich der Mensch Generationen hindurch mit einer Auskunft, die doch niemand im Ernste genügend finden konnte.

Solchen Erdichtungen gegenüber ist die Schöpfung der Welt aus dem Nichts zum mindesten klar und ehrlich. Sie enthält einen so unverhohlenen und direkten Widerspruch gegen jedes Denken, daß sich alle schwächlicheren und versteckteren Widersprüche daneben schämen müssen.

Geschichte des Materialismus und Kritik seiner Bedeutung in der Gegenwart. Hrsg. v. Alfred Schmidt. Frankfurt a. M.: Suhrkamp, 1974, S. 159.

Eduard Hartmann

Philosophie des Unbewussten (1869)

Ueber das, was das Subsistirende alles Existirenden ist, kann keine Philosophie hinaus, hier stehen wir an dem seiner Natur nach unlößbaren Urproblem. Die Erde ruht auf dem Elephanten, der Elephant steht auf der Schildkröte, und die Schildkröte?? Die Fähigkeit, vor dem Problem der grundlosen Subsistenz wie vor einem Medusenhaupt zu erstarren, ist der wahre Prüfstein metaphysischer Anlage.

Philosophie des Unbewussten. Leipzig o. J. Bd. 2, S. 458 f.

Theodor Fontane

Neu-Geltow (1873)

In Preußen (wie in China) ist nichts ohne Examen! Alle Examina sind Klippengrund, besonders die juristischen. Aber wenn schon das Examen des Gerichtsassessors den gefürchteten Needles entspricht, in deren Umkreis die Schiffe zu Hunderten liegen, so entspricht das Examen des Regierungsassessors den Goodwin-Sands, wo die Mastspitzen der Verlorengegangenen so dicht aufragen, wie die Kreuze auf einem großstädtischen Kirchhof.

Solche und ähnliche Betrachtungen mochten es sein, die vor etwa zwanzig Jahren einen Dr. Foerstermann anspornten, der bedrängten Menschheit zu Hilfe zu eilen. Dem Plan folgte die Ausführung. In das schöne, beinah schloßartig gelegene Haus des alten Meusebach zog der junge Doktor ein; die Bibliothekzimmer wurden zu Klassen und Auditorien, und ein Institut entstand, das sich, einem tiefgefühlten Bedürfnis entsprechend, rasch emporarbeitete und die Zahlen und Tabellen der Schiffbruchstatistik erheblich reduzierte, während Neu-Geltow mehr und mehr jenen Klostercharakter annahm, den wir vorstehend bezeichnet haben. Auch ein Gelübde hatten die Eintretenden zu leisten; keins der drei großen, am wenigsten das der Armut, wohl aber das eine; jede der beim Examen an sie gerichteten Fragen gewissenhaft zu notieren und mitzuteilen. Diese Fragen, nunmehr Eigentum des Instituts, wurden in das goldene Buch des Hauses eingetragen und was in Upsala der Codex argenteus, oder in London die Tischendorffsche Bibel ist, das wurde im Foerstermannschen Institut dieser Codex aureus. An ihm hing alles; er wog alles andere auf. Es war der Koran des Omar. Wenn in anderen Büchern dasselbe steht, so sind sie überflüssig; wenn in ihnen etwas anderes steht, so sind sie unbrauchbar, gefährlich. Wie die Welt auf der Schildkröte ruht, so ruhte das Institut auf diesem Buch. Und doch kam es anders, als Dr. Foerstermann gedacht hatte.

Werke, Schriften und Briefe. Hrsg. v. Walter Keitel und Helmuth Nürnberger. II. Abteilung: Wanderungen durch die Mark Brandenburg. 3. Aufl. München: Hanser 1987, Bd. 2, S. 417 f.

Friedrich Nietzsche

Wir Philologen (1875)

Die meisten Menschen sind offenbar zufällig auf der Welt: es zeigt sich keine Notwendigkeit höherer Art in ihnen. Sie treiben dies und das, ihre Begabung ist mittelmäßig. Wie sonderbar! Die Art, wie sie nun leben, zeigt, daß sie selbst nichts von sich halten, sie geben sich preis, indem sie sich an Lumpereien wegwerfen (seien das nun kleinliche Passionen oder Quisquilien des Berufs). In den sogenannten Lebensberufen, welche jedermann wählen soll, liegt eine rührende Bescheidenheit der Menschen: sie sagen damit, wir sind berufen, unseresgleichen zu nützen und zu dienen; und der Nachbar ebenfalls und dessen Nachbar auch; und so dient jeder dem andern, keiner hat seinen Beruf, seiner selbst wegen da zu sein, sondern immer wieder anderer wegen; so haben wir eine Schildkröte, die auf einer andern ruht und diese wieder auf einer und so fort. Wenn jeder seinen Zweck in einem andern hat, so haben alle keinen Zweck in sich, zu existieren; und dies füreinander existieren ist die komischste Komödie.

Wir Philologen. In: Werke in drei Bänden. Hrsg. v. K. Schlechta. München: Hanser 1977, Bd. 3, S. 327.

Thomas Suter Ackland

The story of creation as told by theology and by science (1896)

Another circumstance, which seems to merit more attention than it has received, is the very frequent recurrence in Greek mythology of allusions to creatures which have been usually regarded as the creations of a poetic fancy, but which bear a strong resemblance to the Saurian and other monsters of the Oolite and Cretaceous formations. Of course, it is not impossible that these things may have been purely poetic imaginings; but, if so, it is very remarkable that such realizations of those imaginings should be afterwards discovered. It would seem much more probable that these legends were exaggerated traditions of creatures which actually existed when the first colonists reached their new homes, in numbers comparatively small, but still sufficient to occasion much danger and alarm to the early settlers, and to cause their destroyers to be regarded as among the greatest heroes of the time and the greatest benefactors of mankind. The Hindoo tradition of the tortoise on whose back stands the elephant which upholds the world, and the account of Leviathan in the Book of Job, seem to point in the same direction.

The story of creation as told by theology and by science. Chapter II, Section 1Online.

Theodor Ziehen

Psychophysiologische Erkenntnistheorie (1898)

Ein pou stô [ein festes Fundament] werden wir niemals finden. Wir jagen auf unseren Vorstellungen und Empfindungen dahin. Weder können wir ihnen in die Zügel fallen noch aus dem Wagen, in dem wir vorwärts fliegen, herausspringen, um den Zuschauer zu spielen. Jeder Gedanke über unsere Vorstellungen ist eine neue Vorstellung. Indem wir den Augenblick a erhascht zu haben glauben, sind wir eine Beute des Augenblicks b. Die erkennende Vorstellung erheischt eine neue Vorstellung, durch welche wir auch sie wiederum erkennen müßten. Nichts kann uns diesem Progressus in infinitum entreißen. Wir können auf die Schildkröte den Elephanten, den Elephanten auf die Lotosblume türmen, wir können Apperception auf Apperception häufen: das letzte Ich, welches als beharrende höchste Instanz das definitive Erkennen leisten könnte, erreichen wir nicht. Wir können uns nicht an unserem eigenen Zopf aus dem Sumpf herausziehen. Die philosophische Willkür hat freilich den Prozeß abgekürzt. Bald hat sie eine metaphysische Identität des erkennenden und des erkannten Ichs konstruiert, bald hat sie mit irgend einer metaphysischen Seele oder einer metaphysischen Apperzeption den Bau kurzerhand abgeschlossen. Sie wollte zu viel leisten und leistete deshalb nicht. Eine letzte Wahrheit in diesem geträumten Sinne existiert nicht. Ich kann den Gedanken, welche ich entwickeln werde, keinen Wert, nicht einmal eine Beziehung zusprechen, welche ihnen absolut zukäme. Sie sind Vorstellungen unter Vorstellungen, nicht mehr und nicht weniger als die Vorstellungen selbst, welche ihren Gegenstand bilden. Wer mich daher früge, wozu dies Martern des Gehirns? warum nicht lieber einfach vorstellen und empfinden, statt nochmals über diese Empfindungen und Vorstellungen nachzugrübeln?, dem gäbe ich völlig Recht. Nicht zu einem Geschäft, dessen Vorteile nachweisbar sind, kann ich einladen, sondern nur zu einem Fest, an dem einige Freude finden, andere nicht, das seinen ganzen Zweck in sich selbst trägt und keinerlei Nutzen verspricht, das seine Berechtigung nicht nachweisen kann noch will, das eben ist, wie alle unsere Empfindungen und Vorstellungen sind.

Ziehen, Theodor: Psychophysiologische Erkenntnistheorie. 2. Aufl. Jena: Fischer 1907, S. 3 f.

Rainer Maria Rilke

Aus einer Sturmnacht (1901)

<4>

In solchen Nächten, wie vor vielen Tagen,
fangen die Herzen in den Sarkophagen
vergangner Fürsten wieder an zu gehn;
und so gewaltig drängt ihr Wiederschlagen
gegen die Kapseln, welche widerstehn,
daß sie die goldnen Schalen weitertragen
durch Dunkel und Damaste, die zerfallen.
Schwarz schwankt der Dom mit allen seinen Hallen.
Die Glocken, die sich in die Türme krallen,
hängen wie Vögel, bebend stehn die Türen,
und an den Trägern zittert jedes Glied:
als trügen seinen gründenden Granit8
blinde Schildkröten, die sich rühren.9

Aus einer Sturmnacht. Acht Blätter mit einem Titelblatt. <4>. In: Sämtliche Werke. Wiesbaden, Frankfurt: Insel 1955 ff., Bd. 1, S. 462 (Buch der Bilder).

Paul Scheerbart

Groß! (1902)

Sechstausend Ellen lang und fast ebenso breit ist die große Kröte, auf der mein Palast erbaut wurde.
Vor vielen langen Jahren zog ich ein — in den Palast.
Und die Kröte wandelt nun mit mir durch die große, große Welt.
Ob die Kröte was von mir weiß?
Ach! Die Kröte ist so groß.
Ich bin grausam klein dagegen.
Natürlich ist es eine Schildkröte — die Kröte, von der ich so viel spreche.
Wenn bloß diese Schildkröte ein wenig schneller gehen wollte.
Ich möchte so gerne noch heute ans Ende der Welt gelangen — ans Ende!
Geh schneller, liebe Kröte!
Ich möchte ja endlich mal die Größe der ganzen Welt begreifen — oder verstehen — fassen!
Aber wie soll ich das?
Ich kann ja doch nicht ans Ende kommen, denn es gibt ja kein Ende!
Geh schneller, liebe Kröte!
Sie will natürlich wieder nicht.
Was hilft mir da ihre Größe?
Alles wird immer größer — und es hilft uns Alles nichts.
Es nützt auch nichts, daß unser Durst immer größer wird!
Den Weltrand werden wir niemals an unsere Lippen setzen können.
Ich würde auch den Weltrand zerbeißen.
Geh schneller, liebe Kröte!
Nützen zwar tut es nichts — aber mir kommt dann — wenn Du Dich beeilst — wenigstens die Zeit nicht so maßlos groß vor.
Ach, du liebe Zeit!

Immer mutig! Ein phantastischer Nilpferdroman mit 83 merkwürdigen Geschichten. Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1986, S. 27.

William James

Pragmatism (1907)

For pluralistic pragmatism, truth grows up inside of all the finite experiences. They lean on each other,10 but the whole of them, if such a whole there be, leans on nothing. All 'homes are in finite experience; finite experience as such is homeless. Nothing outside of the flux secures the issue of it. It can hope salvation only from its own intrinsic promises and potencies.

To rationalists this describes a tramp and vagrant world, adrift in space, with neither elephant nor tortoise to plant the sole of its foot upon. It is a set of stars hurled into heaven without even a centre of gravity to pull against. In other spheres of life it is true that we have got used to living in a state of relative insecurity. The authority of the State, and that of an absolute moral law, have resolved themselves into expediencies, and holy church has resolved itself into meeting-houses. Not so as yet within the philosophic class-rooms.

[...] The tough-minded are the men whose alpha and omega are FACTS. Behind the bare phenomenal facts, as my tough-minded old friend Chauncey Wright, the great Harvard empiricist of my youth, used to say, there is NOTHING. When a rationalist insists that behind the facts there is the GROUND of the facts, the POSSIBILITY of the facts, the tougher empiricists accuse him of taking the mere name and nature of a fact and clapping it behind the fact as a duplicate entity to make it possible.

Pragmatism, Lecture VII: Pragmatism and Humanism — Online im Project Gutenberg.

Gilbert Keith Chesterton

Orthodoxy (1908)

The following propositions have been urged: First, that some faith in our life is required even to improve it; second, that some dissatisfaction with things as they are is necessary even in order to be satisfied; third, that to have this necessary content and necessary discontent it is not sufficient to have the obvious equilibrium of the Stoic. [...]

If these things be conceded, though only for argument, we may take up where we left it the thread of the thought of the natural man, called by the Scotch (with regrettable familiarity), "The Old Man." We can ask the next question so obviously in front of us. Some satisfaction is needed even to make things better. But what do we mean by making things better? Most modern talk on this matter is a mere argument in a circle — that circle which we have already made the symbol of madness and of mere rationalism. Evolution is only good if it produces good; good is only good if it helps evolution. The elephant stands on the tortoise, and the tortoise on the elephant.

Obviously, it will not do to take our ideal from the principle in nature; for the simple reason that (except for some human or divine theory), there is no principle in nature.

Orthodoxy. Chapter VIIOnline.

Fritz Mauthner

transzendental (1910)

Immanent und transzendent sind zwei Termini, die ein Begriffspaar ausmachen; ähnlich verhalten sich Subjekt und Objekt, Ursache und Wirkung, Freiheit und Notwendigkeit und noch sehr viele andere so eng kopulierte Begriffspaare, die bei philosophischen Schriftstellern vorkommen. Ja, es wäre nicht unmöglich, daß vermöge der Amphibolie und Antinomie der letzten Geheimnisse gar alle philosophischen Begriffe die Besonderheit hätten, paarweise aufzutreten. Sehr günstig wäre dieser Umstand nicht für die Aussicht, der Welt auf den Grund zu kommen.

Denn diese Begriffspaare haben die traurige Eigenschaft, daß jeder von beiden als Gegensatz zum andern scheinbar besser erklärt werden kann als für sich allein; und da es dem zweiten Begriffe ebenso geht wie dem ersten, so könnte es wohl kommen, daß wir bei beiden Begriffen nur den Schein einer Vorstellung haben. Rechts ist das Gegenteil von links, links ist das Gegenteil von rechts; was aber rechts oder links an und für sich sei, das kann schon darum nicht gesagt, nicht definiert werden, weil es einen Oberbegriff für rechts und links nicht gibt. Seite, Richtung ist dieser Oberbegriff wahrlich nicht. Ebensowenig gibt es einen Oberbegriff für Subjekt und Objekt, für Ursache und Wirkung, für Freiheit und Notwendigkeit, man wollte denn den umfang- und inhaltlosen Seinsbegriff zum Oberbegriff machen, die Welt auf den Elefanten, den Elefanten auf die Schildkröte stellen und so in infinitum. Es gibt auch keinen Oberbegriff für immanent und transzendent. Trotzdem läßt sich einiges klar und heiter über die Geschichte dieses Begriffspaares erzählen.

transzendental. I. In: Wörterbuch der Philosophie. Neue Beiträge zu einer Kritik der Sprache. 2. Aufl. Leipzig 1923, Bd. 3, S. 294 f.

Ernst Cassirer

Das Erkenntnisproblem in der Philosophie und Wissenschaft (1920)

Damit werden alle Einwände der gewöhnlichen Skepsis gegen die Kritik der reinen Vernunft hinfällig: Denn sie beruhen, wie das Beispiel Aenesidems zeigt, durchweg auf dem prôton pseudos, daß sie den kritischen Objektivitätsbegriff verkennen, indem sie ihm, bewußt oder unbewußt, immer wieder das alte Schema der Abbildtheorie unterschieben.

In der Abbildtheorie selbst aber werden wir in einem beständigen Zirkel herumgetrieben: Wir lassen, wie in jener bekannten Erzählung von dem indischen Weisen, die Welt auf einem großen Elefanten, den Elefanten auf einer Schildkröte ruhen, um zuletzt auf die Frage, worauf denn die Schildkröte selbst ruhe, die Antwort schuldig zu bleiben.

Das Erkenntnisproblem in der Philosophie und Wissenschaft. Bd. 3: Die nachkantischen Systeme. Salomon Maimon. In: Ges. Werke. Hamburg: Meiner 2003, Bd. IV, S. 82. (zu Salomon Maimon)

George Bernard Shaw

Back to Methuselah, In Quest of the First Cause (1921)

Another reminiscence. In those days we thought in terms of time and space, of cause and effect, as we still do; but we do not now demand from a religion that it shall explain the universe completely in terms of cause and effect, and present the world to us as a manufactured article and as the private property of its Manufacturer. We did then. We were invited to pity the delusion of certain heathens who held that the world is supported by an elephant who is supported by a tortoise. Mahomet decided that the mountains are great weights to keep the world from being blown away into space. But we refuted these orientals by asking triumphantly what the tortoise stands on? Freethinkers asked which came first: the owl or the egg. Nobody thought of saying that the ultimate problem of existence, being clearly insoluble and even unthinkable on causation lines, could not be a causation problem. To pious people this would have been flat atheism, because they assumed that God must be a Cause, and sometimes called him The Great First Cause, or, in still choicer language, The Primal Cause. To the Rationalists it would have been a renunciation of reason. Here and there a man would confess that he stood as with a dim lantern in a dense fog, and could see but a little way in any direction into infinity. But he did not really believe that infinity was infinite or that the eternal was also sempiternal: he assumed that all things, known and unknown, were caused.

Back to Methuselah, In Quest of the First CauseOnline.

Georg Lukács

Geschichte und Klassenbewußtsein (1923)

Indem das moderne bürgerliche Denken nur die Bedingungen der Möglichkeit des Geltens jener Formen untersucht, in denen sich das ihr [der verdinglichten Welt] zugrunde liegende Sein äußert, versperrt es sich selbst den Weg zu den klaren Fragestellungen, zu den Fragen nach Entstehen und Vergehen, nach wirklichem Wesen und Substrat, dieser Formen. Sein Scharfsinn gerät immer mehr in die Lage jener sagenhaften Kritik in Indien, die der alten Vorstellung gegenüber, daß die Welt auf einem Elephanten stehe, die kritische Frage aufwarf: worauf steht der Elephant? Nachdem aber die Antwort, daß der Elephant auf einer Schildkröte stehe, gefunden war, hat sich die Kritik dabei beruhigt. Es ist aber klar, daß selbst eine weitere ähnlich kritische Fragestellung höchstens ein drittes Wundertier, nicht aber die Lösung der wirklichen Frage zum Vorschein zu bringen imstande gewesen wäre.

Geschichte und Klassenbewußtsein. Studien über marxistische Dialektik. Darmstadt, Neuwied: Luchterhand 1970, S. 208 f. (Die Verdinglichung und das Bewußtsein des Proletariats, I/3).

Bertrand Russell

Warum ich kein Christ bin (1927)

Der Beweis einer ersten Ursache

Das Argument, das wohl am einfachsten und leichtesten zu verstehen ist, ist das einer ersten Ursache. (Es wird behauptet, dass alles, was wir auf dieser Welt sehen, eine Ursache hat und dass man zu einer ersten Ursache gelangen muss, wenn man die Kette der Ursachen immer weiter zurückverfolgt, diese erste Ursache nennt man Gott.) Dieses Argument hat heute kaum noch Gewicht, vor allem, weil der Begriff der Ursache nicht mehr die gleiche Bedeutung hat wie früher. Die Philosophen und Wissenschaftler haben sich darüber hergemacht, und der Begriff hat viel von seiner früheren Vitalität verloren. Aber auch unabhängig davon muss man einsehen, dass das Argument, es müsse eine erste Ursache geben, keinerlei Bedeutung haben kann. Ich muss zugeben, dass ich als junger Mann, als ich diese Fragen sehr ernsthaft erwog, lange Zeit das Argument der ersten Ursache gelten ließ, bis ich eines Tages, im Alter von achtzehn Jahren, John Stuart Mills Autobiographie las und darin folgenden Satz fand: Mein Vater lehrte mich, dass es auf die Frage Wer hat mich erschaffen? keine Antwort gibt, da diese sofort die weitere Frage nahelegt: Wer hat Gott erschaffen? Wie ich noch immer glaube, machte mir dieser ganz einfache Satz den Trugschluss im Argument der ersten Ursache deutlich. Wenn alles eine Ursache haben muss, dann muss auch Gott eine Ursache haben. Wenn es etwas geben kann, das keine Ursache hat, kann das ebensogut die Welt wie Gott sein, so dass das Argument bedeutungslos wird. Es liegt genau auf der gleichen Linie wie die Ansicht des Hindus, die Welt ruhe auf einem Elefanten und der Elefant stehe auf einer Schildkröte; als man ihn fragte: Und was ist mit der Schildkröte?, sagte der Inder: Sprechen wir von etwas anderem! Das Argument ist wirklich um keinen Deut besser. Es gibt weder einen Grund dafür, warum die Welt nicht auch ohne eine Ursache begonnen haben könnte, noch, warum sie nicht schon immer existiert haben sollte. Wir haben keinen Grund anzunehmen, dass die Welt überhaupt einen Anfang hatte. Die Idee, dass alles einen Anfang haben müsse, entspringt nur der Armut unserer Vorstellungskraft. Deshalb brauche ich wohl keine weitere Zeit mehr auf das Argument der ersten Ursache zu verschwenden.

Warum ich kein Christ bin. Vortrag, 6. März 1927, National Secular Society. In: B. R.: Warum ich kein Christ bin und andere Aufsätze. 1957Online (dt.)engl. Original. Vgl. auch Is There a God? (1952).

Bertrand Russell

Gedanken an meinem 80. Geburtstag (1953)

[...] Aber ich entdeckte, daß viele mathematische Beweise, deren Annahme meine Lehrer von mir erwarteten, voll von Fehlschlüssen waren und daß, wenn man wirklich Sicherheit in der Mathematik finden könne, man sie in einer neuen Art von Mathematik suchen müsse, die festere Grundlagen besäße als die, welche man bisher als sicher betrachtet hatte. Aber als die Arbeit vorwärtsschritt, wurde ich dauernd an die Fabel von dem Elefanten und der Schildkröte erinnert. Nachdem ich einen Elefanten konstruiert hatte, der die mathematische Welt tragen könne, fand ich, daß der Elefant wackelte und ging daran, die Schildkröte zu konstruieren, um den Elefanten am Fallen zu verhindern. Aber die Schildkröte war nicht sicherer als der Elefant und nach 20 Jahren schweren Mühens kam ich zu dem Resultat, daß ich alle mir zugänglichen Möglichkeiten, die Mathematik zweifelsfrei zu machen, erschöpft hätte.

Gedanken an meinem 80. Geburtstag. In: Zeitschrift für philosophische Forschung 7 (1953), S. 113 f.

Wilfrid Sellars

Empiricism and the Philosophy of Mind (1956)

[VIII.] 34. In the light of these remarks it is clear that if observation reports are construed as actions, if their correctness is interpreted as the correctness of an action, and if the authority of an observation report is construed as the fact that making it is following a rule in the proper sense of this phrase, then we are face to face with givenness in its most straightforward form. For these stipulations commit one to the idea that the authority of Konstatierungen rests on nonverbal episodes of awareness — awareness that something is the case, e.g. that this is green — which nonverbal episodes have an intrinsic authority (they are, so to speak, self-authenticating) which the verbal performances (the Konstatierungen) properly performed express. One is committed to a stratum of authoritative nonverbal episodes (awarenesses), the authority of which accrues to a superstructure of verbal actions, provided that the expressions occurring in these actions are properly used. These self-authenticating episodes would constitute the tortoise on which stands the elephant on which rests the edifice of empirical knowledge. The essence of the view is the same whether these intrinsically authoritative episodes are such items as the awareness that a certain sense content is green or such items as the awareness that a certain physical object looks to oneself to be green. [...]

38. The idea that observation strictly and properly so-called is constituted by certain self-authenticating nonverbal episodes, the authority of which is transmitted to verbal and quasi-verbal performances when these performances are made in conformity with the semantical rules of the language, is, of course, the heart of the Myth of the Given, For the given, in epistemological tradition, is what is taken by these self-authenticating episodes. These takings are, so to speak, the unmoved movers of empirical knowledge, the knowings in presence which are presupposed by all other knowledge, both the knowledge of general truths and the knowledge in absence of other particular matters of fact. Such is the framework in which traditional empiricism makes its characteristic claim that the perceptually given is the foundation of empirical knowledge. [...]

Above all, the picture is misleading because of its static character. One seems forced to choose between the picture of an elephant which rests on a tortoise (What supports the tortoise?) and the picture of a great Hegelian serpent of knowledge with its tail in its mouth (Where does it begin?). Neither will do. For empirical knowledge, like its sophisticated extension, science, is rational, not because it has a foundation but because it is a self-correcting enterprise which can put any claim in jeopardy, though not all at once. [...]

[XVI.] 63. I have used a myth to kill a myth — the Myth of the Given. But is my myth really a myth? Or does the reader not recognize Jones as Man himself in the middle of his journey from the grunts and groans of the cave to the subtle and polydimensional discourse of the drawing room, the laboratory, and the study, the language of Henry and William James, of Einstein and of the philosophers who, in their efforts to break out of discourse to an arche beyond discourse, have provided the most curious dimension of all.

Empiricism and the Philosophy of Mind. Kap. VIII: Does Empicirical Knowledge have a Foundation?, Kap. XVI: The Logic of Private Episodes: ImpressionsOnline.

Clifford Geertz

Dichte Beschreibung (1973)

Es gibt eine indische Geschichte — zumindest wurde sie mir als indische Geschichte erzählt — über einen Engländer, dem man erklärt hatte, die Welt stehe auf einem Podest, das auf dem Rücken eines Elefanten stehe, der selbst wiederum auf dem Rücken einer Schildkröte stehe; und dieser Engländer fragte daraufhin (vielleicht war es ein Ethnograph — so verhalten die sich nämlich), worauf denn die Schildkröte stehe? Auf einer anderen Schildkröte. Und diese andere Schildkröte? Oh Sahib, dann kommen nur noch Schildkröten, immer weiter hinunter.

So ist es tatsächlich. [...] Die Untersuchung von Kultur ist ihrem Wesen nach unvollständig. Und mehr noch, je tiefer sie geht, desto unvollständiger wird sie.

Clifford Geertz: Dichte Beschreibung. Bemerkungen zu einer deutenden Theorie von Kultur. In: C. G.: Dichte Beschreibung. Beiträge zum Verstehen kultureller Systeme. Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1983, S. 7-43, hier S. 41.

Stephen Hawking

A Brief History of Time (1988)

[Chap. 1] A well-known scientist (some say it was Bertrand Russell) once gave a public lecture on astronomy. He described how the earth orbits around the sun and how the sun, in turn, orbits around the center of a vast collection of stars called our galaxy. At the end of the lecture, a little old lady at the back of the room got up and said: What you have told us is rubbish. The world is really a flat plate supported on the back of a giant tortoise. The scientist gave a superior smile before replying, What is the tortoise standing on. You're very clever, young man, very clever, said the old lady. But it's turtles all the way down!
Most people would find the picture of our universe as an infinite tower of tortoises rather ridiculous, but why do we think we know better? What do we know about the universe, and how do we know it? Where did the universe come from, and where is it going? Did the universe have a beginning, and if so, what happened before then? What is the nature of time? Will it ever come to an end? Can we go back in time? Recent breakthroughs in physics, made possible in part by fantastic new technologies, suggest answers to some of these longstanding questions. Someday these answers may seem as obvious to us as the earth orbiting the sun — or perhaps as ridiculous as a tower of tortoises. Only time (whatever that may be) will tell.

[Chap. 12] We find ourselves in a bewildering world. We want to make sense of what we see around us and to ask: What is the nature of the universe? What is our place in it and where did it and we come from? Why is it the way it is?
To try to answer these questions we adopt some world picture. Just as an infinite tower of tortoises supporting the fiat earth is such a picture, so is the theory of superstrings. Both are theories of the universe, though the latter is much more mathematical and precise than the former. Both theories lack observational evidence: no one has ever seen a giant tortoise with the earth on its back, but then, no one has seen a superstring either. However, the tortoise theory fails to be a good scientific theory because it predicts that people should be able to fall off the edge of the world. This has not been found to agree with experience, unless that turns out to be the explanation for the people who are supposed to have disappeared in the Bermuda Triangle!

A Brief History of Time.

Karin Knorr Cetina

Die Manufaktur der Natur (1998)

Ich möchte dieses Papier mit einer Anekdote beginnen, die viele von Ihnen kennen (zitiert hat sie u.a. Stephen Hawking in seinem Buch A Brief History of Time) [Es folgt der erste Absatz des Zitats oben]. Natur, wenn wir diesen Begriff einmal naiv für die empirische Wirklichkeit stehen lassen, um die es der Naturwissenschaft geht, ist für die Naturwissenschaft nicht im Kopf sondern im Labor, dort wo sich die Wissenschaft mit Naturobjekten auseinandersetzt. Aber ist sie das wirklich? Und welchen Begriff von Natur finden wir im Labor? Im Labor, wenn man genauer hinschaut, findet sich die Natur nämlich auch wiederum nicht — das Labor, dies ist meine Behauptung, ist ein durch und durch artifizieller Raum, und die Naturwissenschaft zieht epistemischen Profit daraus, daß es sich um einen artifiziellen Raum handelt. Stellt man nun die Frage, was geschieht denn im Labor, wird nicht z.B. durch das berühmte Experimentieren die Natur ins Spiel gebracht? So antworte ich wie die kleine alte Dame in der Schildkrötenanekdote nein, im Labor sitzen andere Labore, das Ganze beruht, wenn Sie wollen, auf Laboratorien durch und durch.

[...] Gehen wir nun von der Hypersozialität solcher experimenteller Kollaborationen noch eine Lage tiefer in der Hierarchie der Schildkröten, von der Ebene, die die Schildkröte trägt, die die Welt trägt, zu derjenigen, die die Schildkröte trägt, die die Schildkröte trägt, die die Welt trägt. Im Falle der Hochenergiephysik müssen wir uns jetzt mit Verfahrensweisen innerhalb des Experiments beschäftigen, nämlich mit dem Computer als Labor — ein weiteres Labor im Labor, oder genauer, ein Labor im Labor im Labor, in dem z.B. die Experimente, die ich gerade vorhin als rekonfigurierte Objektwelten (als Manufakturkonstellationen) bezeichnet habe, simuliert werden.

Die Manufaktur der Natur — Oder: Die alterierten Naturen der Naturwissenschaft. In: Die Natur der Natur. Dokumentation der Tagung an der Universität Bielefeld, 12. - 14. November 1998 (IWT-Paper Nr. 23), S. 104-119, hier S. 104 und 112.

Anmerkungen

1 Athanasius Kircher: China Monumentis, qua Sacris qua Profanis ... Amsterdam: Jacob à Meurs 1667, S. 160f.

1a Dieter Henrich: Die wahrhafte Schildkröte. Zu einer Metapher in Hegels Schrift Glauben und Wissen. In: Hegel-Studien Bd. 2 (1963) S. 281-291.

1b Monika Tokarzewska: Archimedean Points in a Network of Cosmological Metaphors. Fontenelle, Locke, Fichte, and Kant. In: SubStance 43 (2014), No. 3 (Issue 135), S. 27-45

2 Vgl. den Art. Mary Shelley in: The Literary Encyclopedia.

3 Wikipedia, Art. Turtles all the way down, Stand 25. Dez. 2005. Die Frage, ob sich die alte Dame mit dem Vorschlag, die Erde ruhe auf Schildkröten, nach einem astronomischen Vortrag Russells oder James' gemeldet hat, scheint mir ziemlich müßig zu sein: Russell und James hielten keine astronomischen, sondern philosophische Vorträge und brachten das Motiv der Schildkröte selbst zur Sprache. — Aktuelle Fassung des Wikipedia-Artikels.

3a Es scheint mir gewagt, Chelone auf die indische Urschildkröte zu beziehen. Gr. Χελωνη heißt zunächst einfach Schildkröte, sodann ihre Schale und Schildpatt. Während Vishnu als Schildkröte den Berg Meru auf seinem Rücken trägt, werden die Kabiren im umgekehrten Schild ganz ohne Kröte herangetragen. Das streng Gebilde entglänzt dem Riesen-Schilde, weil das Licht vom Schildpatt her nach Art eines Hohlspiegels auf die Kabiren hin reflektiert wird. C. Loewe: Commentar zum zweiten Theile des Goethe'schen Faust. Berlin: Logier 1834, S. 57 f. kommentiert in diesem Sinne: Chelone (Χελωνη) die Schildkröte. Chelone war nach der Mythologie eine Nymphe, welche sich über die Vermählung des Jupiter und der Juno spöttisch äußerte, und die einzige war, welche von allen Göttern, Menschen und Thieren nicht zur Hochzeit kam. Deshalb stürzte sie Merkur samt ihrem Hause in den Fluß, und verwandelte sie in eine Schildkröte, welche zur Strafe ihr Haus auf dem Rücken tragen und ewiges Stillschweigen beobachten muß. Die Schaale der Schildkröte, blank poliert, diente den Alten auch als Spiegel; sodann wurde sie auch mit Saiten bespannt, und man accompagnierte den Gesang damit. In dieser spiegelt sich nun das strenge Gebilde der Kabiren ab.

4 Jacobi, Werke, Bd. III, S. 162 [Anmerkung von Hegel].

6 Schiebt man der Schildkröte die indische Anekdote unter, so ergibt sich eine Steigerungsfolge von der ersten bis zur dritten Strophe: Zu tragen ist und getragen wird die Zentnerlast durch das Saumtier, die Last der äußeren Welt durch die Schildkröte, und schließlich die quantitativ nicht meßbare Last, die auf dem Menschenherzen liegt.

7 Lajos Kossuth, Führer der ungarischen Unabhängigkeitsbewegung von 1848/49.

8 Der Granit bezieht sich wohl auf Goethe: Mit diesen Gesinnungen nähere ich mich euch ihr ältesten würdigsten Denkmäler der Zeit. Auf einem hohen nackten Gipfel sitzend und eine weite Gegend überschauend kann ich mir sagen: Hier ruhst du unmittelbar auf einem Grunde, der bis zu den tiefsten Orten der Erde hinreicht, keine neuere Schicht, keine aufgehäufte zusammengeschwemmte Trümmer haben sich zwischen dich und den festen Boden der Urwelt gelegt, du gehst nicht wie in jenen fruchtbaren schönen Tälern über ein anhaltendes Grab, diese Gipfel haben nichts Lebendiges erzeugt und nichts Lebendiges verschlungen, sie sind vor allem Leben und über alles Leben. Granit II. In: J. W. Goethe. Sämtliche Werke. Briefe, Tagebücher und Gespräche. Hrsg. v. H. Birus u. a. Frankfurt a. M.: Deutscher Klassiker Verlag 1985 ff. Abtlg. II, Bd. 25, S. 314.

9 Der Vers Blinde Schildkröten, die sich rühren bezieht sich wohl auf das Rühren des Michmeeres mit dem Berg Mandara als Quirl auf dem Rücken Vishnus in seiner zweiten Verkörperung als Schildkröte. Vgl. den Artikel Wischnu in Meyers Konversationslexikon.

10 Damit bezieht James Gegenposition zu Thoreau, dessen one leaning on another das grundlose Gerede der Menge im Gegensatz zum festen Fundament des Granits meint. Wenn die Experimente bei James aneinander lehnen und ihr Ganzes grundlos ist, fragt sich aber nicht nur, welche Beziehung genau sie untereinander, sondern auch, welche sie zu den puren Fakten unterhalten. Hier setzt Sellars' Kritik am Myth of the Given ein.

<http://www.kisc.meiji.ac.jp/~mmandel/recherche/schildkroete.html>
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